Krieg gegen die Armen
Die Verelendung des Südens ließe sich bremsen. Die Industrieländer müssten ihre Märkte öffnen, die Diktatoren ihre Geldschränke
Johannesburg
Stellen wir uns vor, ein armer Mensch besucht den Erdgipfel in Johannesburg, ein Tagelöhner aus Peru oder eine Näherin aus Thailand. Er könnte auch ein Kleinbauer aus Mosambik sein, das macht es uns Europäern in diesen Tagen der Jahrhundertflut leichter, sich in seine Notlage hineinzudenken. Auch ihm haben die Wassermassen vor zwei Jahren alles genommen, Haus und Hof, die Ernte, die Existenzgrundlage. Dieser Mann, nennen wir ihn JoÆo Tembe, kommt also zur angeblich größten Tagung aller Zeiten: 50 000 Teilnehmer aus aller Herren Länder, dazu eine Hundertschaft Staatschefs. Sie suchen nach Wegen, wie die bedrohte Umwelt des Planeten zu retten und die Kluft zwischen Armen und Reichen durch eine nachhaltige Entwicklung zu überwinden wäre. Es geht um die Zukunft von JoÆo Tembe. Er gehört zu den 1,1 Milliarden Erdenbürgern, die mit weniger als einem Euro pro Tag auskommen müssen und heute nicht wissen, was sie morgen essen werden.
Dieses Mammuttreffen ist natürlich viel zu groß, und die Delegierten sind viel zu wichtig, als dass sich irgendjemand die Fragen eines Habenichts aus Mosambik anhören würde. Zum Beispiel, wie es kommt, dass es Leuten wie ihm immer schlechter geht, während im Norden ein ungeheurer Wohlstand angehäuft wird. Und ob das eine mit dem anderen zusammenhängt. Er brauchte eigentlich nicht viel, einen kleinen Wiederaufbaukredit, Düngemittel, Gerätschaften.
Wenn er dann für seine Feldfrüchte - Erdnüsse, Mais, Hirse - auch noch ordentliche Preise bekäme, ja, wenn er sie sogar über seine Dorfgenossenschaft exportieren könnte - er wäre vermutlich der zufriedenste Mensch.
Allein, JoÆo Tembe wird gleich im ersten Forum lernen, warum sein bescheidenes Ansinnen vorerst ziemlich utopisch ist. Hier wird über die landwirtschaftliche Erzeugerschlacht in Europa und Amerika debattiert, über Getreideberge, Milchseen und unvorstellbare Subventionen: jeden Tag ungefähr eine Milliarde Euro. Die Zuschüsse stimulieren die Überproduktion von Nahrungsmitteln und richten nebenbei beträchtliche Umweltschäden an. Aber wie sollte ein kleiner Bauer aus Afrika die Brüsseler Agrarpolitik verstehen, wenn sie selbst einem Professor der Ökonomie rätselhaft vorkommt?
Er spürt nur ihre Auswüchse. Denn die Überschüsse werden exportiert, und ihre künstlichen Preise sind so niedrig, dass sie weit unter den Produktionskosten der Bestimmungsländer liegen. Die Landwirte des Südens können bei diesem Dumping nicht mithalten: Ihre heimischen Märkte brechen unter dem Druck der Billigimporte zusammen. Und sie werden gleich doppelt betrogen: Wollen sie nämlich umgekehrt ihre Erzeugnisse in Europa verkaufen, so werden diese durch Zölle und trickreiche Handelsbarrieren abgewehrt oder kräftig verteuert, um die dortigen Landwirte vor der Konkurrenz zu schützen.
Marktwirtschaft wird das genannt. Aber ökonomische Begriffe, das merkt Tembe bald, sind recht vieldeutig. Der Norden redet vom Freihandel und praktiziert Protektionismus. Nach groben Schätzungen bringen die Handelshemmnisse der Industriestaaten die Entwicklungsländer um jährlich 100 Milliarden Euro Exporteinnahmen - beinahe das Doppelte der Entwicklungshilfe, die ihnen zufließt. Man könnte auch sagen: Die Reichen geben ein paar Almosen und rauben anschließend die Empfänger derselben aus. JoÆo Tembe zieht zur nächsten Diskussionsrunde, wo über die Globalisierung gestritten wird, genauer gesagt, über den Nutzen und Nachteil des freien Handels. Die einen halten ihn für Teufelswerk, das die globalen Ungleichheiten verschärft
- Datum 29.08.2002 - 14:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 36/2002
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