Pelé dribbelt wieder

Souverän mag Brasiliens Fußballelf jüngst zum fünften Mal Weltmeister geworden sein, doch für rechte Euphorie sorgte der Titelgewinn nicht: Zu sehr fehlt dem globalisierten Spiel des gegenwärtigen Teams jener Funken, der zu romantischen Utopien einlädt. Mit Wehmut wird noch immer der Ära eines Pelé gedacht, der die widerstreitenden Bedürfnisse nach Erfolg und kultureller Eigenheit in sich vereinen konnte.

Ähnlich verhält es sich mit der brasilianischen Musik von heute: Gleicht sie sich zu sehr den Schemata des globalen Pop an, geht ihr der Reiz des Fremden verloren. Das dürfte ein Grund dafür sein, warum die Sammler seltener Grooves in Europa lieber in Flohmarktkisten schürfen. In Brasiliens glorreichen siebziger Jahren zwängten sich Künstler wie Jorge Ben in enge Glitzerkostüme und Plateauschuhe und erfanden aus Funk, Soul und brasilianischen Einflüssen einen bewusst schwarzen, glamourösen Sound, der jetzt von fortschrittsskeptischen DJs in London, Paris und Berlin wiederentdeckt wird.

Das belgische Liebhaber-Label Ziriguiboom hat die einstige Backing Band von Jorge Ben, das legendäre Trio Mocotó aus SÆo Paolo, dazu bewegt, ein neues Album aufzunehmen, ihr erstes seit 1977. Auf Samba Soul (Ziriguiboom/EFA CD 80 262) lassen die Routiniers die Leichtigkeit jener Melodien wieder aufleben, deren Tänzeln ruhigere Gemüter so nervös machen kann wie einst die Dribblings von Pelé die gegnerische Verteidigung. Doch womöglich tritt erst in der Retrospektive das Eigene daran klarer hervor: Was Jorge Ben und seine Kollegen zu ihrer Zeit trieben, war Teil einer globalen Strömung, die, von Black Power und Martin Luther King inspiriert, in Nigeria einen Femi Kuti zum Afro-Funk inspirierte und in Brasilien eben zu hybriden Samba-Soul-Gewächsen führte.

An den Sound jener Zeit scheint sich auch Seu Jorge noch gut zu erinnern, hört man Carolina, das Albumdebüt des 27-jährigen Afro-Brasilianers (Mr.

Bongo/EFA CD 81 622-2). Mal schnurrt er dort auf Portugiesisch wie einst Barry White, mal swingt er wie ein George Benson auf Caipirinha. Auch die Produktion fährt einige Schlüsselreize jener Ära auf, von bratzenden Funk-Gitarren und zwitschernder Percussion bis hin zum Vocoder-Einsatz. Als Straßenkind aufgewachsen, verkörpert Seu Jorge die klassische Aufstiegslegende, schaffte er doch den Sprung aus dem Elendsviertel in die Popcharts seines Landes. Londons brasilophiles Mr.-Bongo-Label hat ihn nun für den europäischen Markt zugänglich gemacht.

 
  • Quelle DIE ZEIT, 36/2002
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