Schockierende Verhältnisse
Christian Tenbrock: "Lügen für die Arbeitslosen", ZEIT Nr. 34
Als außerplanmäßiger Professor für Mittelalterliche Geschichte arbeite ich seit Juli als ungelernter Altenpflegerhelfer in einem Seniorenheim, das sämtlichen sich aus dem Pflegeschlüssel ergebenden Anforderungen genügt, ja sie sogar übertrifft. Was ich dort Tag für Tag erlebe, schockiert mich, weil ich es mit meinen Vorstellungen von Menschenwürde nicht vereinbaren kann. Ich leiste Akkordarbeit am Menschen, weil es trotz erfüllten Pflegeschlüssels an Pflegekräften fehlt. Der Mensch wird reduziert auf den Körper. Allein Körperpflege kann geleistet werden. Das Pflegepersonal meiner Abteilung macht jährlich Hunderte von Überstunden, die nicht in Freizeit abgegolten werden können, und ist entsprechend entnervt und bisweilen unfreundlich gegenüber den Betreuten, die nicht mit einem Minimum an Pflege zufrieden sind und Sonderwünsche äußern, zu denen unter anderen gehört, auskauen zu dürfen, bevor man ihnen den nächsten Bissen in den Mund stopft.
"Eine Verbesserung des Pflegeschlüssels ist finanziell nicht machbar", wird es gleich heißen. Weit gefehlt: Schaue ich mir nämlich mein Grundgehalt als ungelernter Altenpflegerhelfer an, so stelle ich fest, dass es um 124 Euro unter der Arbeitslosenhilfe liegt, die ich erhalten hätte, wenn ich mir diese Arbeit nicht gesucht hätte. Wäre es nicht sinnvoll, die Bezüge der Arbeitslosen zu kürzen, ihnen aber gleichzeitig die Möglichkeit zu bieten, durch Arbeit in der Altenpflege oder anderen Bereichen so viel dazuzuverdienen, dass sie erheblich über ihren derzeitigen Bezügen als Arbeitslose liegen? Das birgt Vorteile für die Betreuten und für die Arbeitslosen, und es würde die Wirtschaft ankurbeln, weil diese Leute nicht mit jedem Cent haushalten müssten.
Natürlich kann man nicht 4 Millionen Arbeitslose in der Altenpflege unterbringen, zumal nicht alle dafür geeignet sind. Aber es gibt vermutlich in allen Bereichen, in denen es um Hebung der Lebensqualität für vom Glück Benachteiligte, um Kinder oder um Umweltschutz geht, zahlreiche Möglichkeiten, ein paar Arbeitskräfte unterzubringen.
Nehmen wir das Beispiel Kinderbetreuung: Die Pisa-Studie hat uns die Augen über den Bildungsnotstand in Deutschland geöffnet. Gleichzeitig finanziert Deutschland Tausende von arbeitslosen Akademikern, die nach einer kurzen, aber intensiven Schulung möglicherweise geeignet wären, Kindern in Kleingruppen etwas Sinnvolles beizubringen. Wenn man die heilige Kuh des Staatsexamens schon nicht schlachten will, könnte man solche Leute in der Nachmittagsbetreuung einsetzen. Ist es nicht absurd, dass zum Beispiel ich die Befähigung habe, künftige Lehrer auszubilden, aber Schüler nicht unterrichten darf, bloß weil ich kein Staatsexamen habe? Könnte man nicht auch hier das Arbeitslosengeld kürzen und den Betroffenen die Möglichkeit geben, das "Grundgehalt" durch Arbeit mit Kindern aufzustocken, sodass sie vernünftig davon leben können?
Könnte nicht auch mancher dazu befähigte Nichtakademiker in der Kinderbetreuung eingesetzt werden? Weshalb sollte nicht ein Handwerker Kindern etwas für das Leben mitgeben? Freilich würde intensive Kinderbetreuung manchen Fernsehproduzenten in den Ruin treiben, doch wäre dies vermutlich das kleinere Übel, verglichen mit gelangweilten Kindern, die sich durch die Kanäle zappen.
Wäre es nicht sinnvoll, die für sinnlose Subventionen und Umschulungen vorgesehenen Milliardensummen in eine Gesellschaft zu investieren, in welcher der Mensch wieder im Vordergrund steht? Gott, so erfährt man aus der Bibel, gab dem Menschen den Auftrag, sich die Erde untertan zu machen. Er hat bei der Erfüllung des Auftrags gewaltig übertrieben und ist zum Untertan der Erfordernisse der Wirtschaft geworden, auf deren Altar er nicht nur den unproduktiven Teil der Gesellschaft, sondern sogar den eigenen Lebensraum opfert. Ist es nicht an der Zeit, dem verhängnisvollen Kreislauf von Produktion und Konsum ein wenig von seiner Macht über den Menschen zu nehmen?
Die Wirtschaft wird sich auch ohne Milliardensubventionen weiterentwickeln.
- Datum 29.08.2002 - 14:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 36/2002
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