Spaghettis erwürgen Laokoon
Das Hamburger Tanztheater-Festival auf Kampnagel ringt mit der Globalisierung und die Bühne B12 steht vor dem Aus
Als die Griechen vor Troja lagen und langsam die Geduld verloren, bauten sie ein hölzernes Pferd, steckten ihre Helden hinein und rollten es vor die Tore der Stadt. Der Mythos besagt, dass die Belagerten das Geschenk ohne Umschweife annahmen und damit ihren Untergang besiegelten. So viel Arglosigkeit ist unvorstellbar, sie wird erst glaubwürdig durch Laokoon, der eine Ausnahme machte. Als einziger Trojaner warnte der Priester vor der verdächtigen Gabe der Griechen, doch weil die parteiischen Götter längst die Zerstörung der Stadt beschlossen hatten, töteten sie den Mahner und seine beiden Söhne, indem sie zwei riesige Schlangen losschickten. Die berühmte Marmorgruppe steht heute im Vatikan, und fast jeder, selbst wenn er noch nie dort war, kennt die drei Gestalten, die heldenhaft mit den Schlangen ringen.
Neuerdings jedoch kämpfen die Heroen gegen Spaghetti, und zwar auf dem Programmheft des Kampnagel-Sommerfestivals Laokoon. Warum?
Die Spaghetti sind die Fesseln des Banalen, sie symbolisieren die Bedrohung der alten Griechen durch die italienische Küche oder auch die Gefährdung der Kulturleistung durch Triebbefriedigung (vulgo Fressen), ganz sicher jedenfalls die unaufhaltsame Vermassung. Seit der Begriff der McDonaldisierung geprägt wurde, fürchten sich Globalisierungsgegner aller Länder vor Ununterscheidbarkeit. Was Globalisierung alles bedeutet, weiß zwar niemand genau, aber unter der Vernudelung der Welt kann sich jeder etwas vorstellen, nun käme es nur darauf an, ein Gegenprogramm zu organisieren. Die Hamburger Kampnagel-Fabrik will mit ihrem diesjährigen Tanz- und Theater-Festival (bis zum 8. September, www.kampnagel.de) zeigen, was es außer Nudeln noch gibt. Es firmiert unter dem kämpferischen Titel Geschichte und Gedächtnis im Zeitalter der Globalisierung und ist nicht nur als Leistungsschau des Weltkulturerbes, sondern vor allem als Warnung vor einem trojanischen Pferd namens Kosmopolitismus gemeint.
Indonesien außer Rand und Band
Wer allerdings die Moderne scheut, ohne das Traditionelle zu wollen, gerät schnell in die Niederungen halbherzig verfremdeter Folklore. Laokoon begann mit je einem geglückten und einem misslungenen Beispiel rückblickender Selbstvergewisserung. So versprach das Theater Mandiri aus Indonesien, altehrwürdiges Schattenspiel und politisches Theater zu verbinden, doch vermischte man nur auf fatale Weise das mimetische Konzept des klassischen europäischen Dramas mit den rituellen Pantomimen des Kultes. Da sprangen kleine halb nackte Männer mit struppigen Haaren durch die Gegend und ließen sich von dröhnendem Ethno-Punk in alberne Ekstase versetzen. Der gelegentliche Auftritt einer blumengeschmückten Dame vermochte dem Treiben auch keine Würde zu verleihen, und der dilettantische Einsatz von Videotechnik und Windmaschinen machte die Sache nur schlimmer. Weder Höllenlärm noch Teufelstanz konnten nämlich die große Leere dieses "visuellen Theaters" füllen, sodass man sich schnell nach der konventionellen Form von Traditionspflege sehnte, wie sie der tschechische Artia Verlag in den siebziger und achtziger Jahren mit einer Märchenbuchreihe vorführte. Der Band Indonesische Märchen vermittelte beispielsweise die Erhabenheit des Schattentheaters Wayang, andererseits erzählte Kanda Buwana, der älteste Meister des magischphilosophischen Puppenspiels, von der Bedrohtheit seiner Kunst.
Die Klänge des Gamelans, eines traditionellen Orchesters, sollen im Wayang die Geister der Ahnen herauflocken, aber von dieser Art der Vergangenheitsbeschwörung wollten die außer Rand und Band geratenen Protagonisten des Theaters Mandiri nichts wissen. Mit ihrer Denkfaulheit befinden sie sich leider in bester Gesellschaft vieler zeitgenössischer Performancekünstler.
Die Black Swan Theatre Company aus Australien hingegen wollte möglichst viel mitteilen über den Gegenstand ihrer lauten, exotischen Produktion, über die australischen Ureinwohner. The Career Highlights of the Mamu war eine geglückte Synthese aus Show und Volkshochschule, aus Konzert und Dokumentation. Eine Aborigines-Gemeinde erzählt die Geschichte ihrer eigenen Vertreibung aus den angestammten Gebieten, der Verseuchung ihrer Homelands durch die britischen Atomtests in den Jahren 1956 und 1957. Was mit naiver Fröhlichkeit beginnt, mit rituellem Tanz, verrücktem Kopfputz und amerikanischer Gute-Laune-Moderation, ist eigentlich eine Totenmesse in eigener Sache. Da packte den Zuschauer unwillkürlich die Angst vorm Verlust der Geschichte, und es wurde klar, dass der Anschluss an die Vergangenheit nur um den Preis der Verantwortlichkeit zu haben ist.
- Datum 29.08.2002 - 14:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 36/2002
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