Teutonische Eleganz

Samstags in Berliniamsburg - Die New Yorker Pop-Boheme begeistert sich für die Berliner Subkultur der achtziger Jahre

Der Name springt ins Auge: Berliniamsburg. Handgeschrieben und schwarzweiß kopiert hängen die Plakate an New Yorker Straßenlaternen und Ampelmasten. Berliniamsburg wie Berlin, die deutsche Hauptstadt, und wie Williamsburg, das Szeneviertel von Brooklyn. Es sind Werbezettel für die samstägliche Berliniamsburg-Party, einen der hot spots des New Yorker Nachtlebens. Natürlich hätte es auch Vierfarbdruck sein können, doch die Kopierladenästhetik ist ein Statement: Früher, als alles noch nicht ganz so bunt war, war's besser. Berliniamsburg ist einer der zentralen Orte, wo New Yorker Hipster nach einer besseren Vergangenheit suchen.

Vielleicht ist es ja höhere Gerechtigkeit. Ausgerechnet jetzt, wo man sich nicht einmal mehr in München oder Frankfurt für die Hauptstadt interessiert, die überregionalen Zeitungen ihre Berlin-Berichterstattung zurückgefahren haben, überall Abgesänge auf die zuvor berichterstatterisch heftig umworbene, bis hin zur letzten Friedrichshainer Bordsteinkante ausgeleuchtete Hauptstadtkultur angestimmt werden, in einer Zeit also, in der der Jammer groß ist, weil die Stadt außer Regierung und Parlament eigentlich nur noch Schulden hat - ausgerec hnet jetzt ist Berlin in New York endlich hip.

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Nun handelt es sich dabei nicht etwa um das New Berlin, für das die Marketingstrategen der Hauptstadt in den Neunzigern Werbung machten, ganz im Gegenteil: Was Berlin in New Yorker Augen hip macht, sind keine Visionen von neuer Größe, es sind das Bild und der Sound einer Stadt, mit der kein Staat zu machen ist. Christiane F. könnte dafür Pate gestanden haben mit ihren Strichern vom Bahnhof Zoo oder David Bowie, der damals im Schatten der Mauer einer düster-romantischen Vision seiner selbst nachhing. Berlin ist der Fluchtpunkt eines nicht unbeträchtlichen Teils der Sehnsüchte, die gerade im Zuge des eighties' revivals durch New York geistern. Und lustigerweise ist es ein Hype, der fast ohne Beteiligung von tatsächlichen Berlinern auskommt.

Man hat es vielmehr mit einem interessanten Traumbild von Berlin zu tun, das Saturday night für Saturday night in Berliniamsburg abgefeiert wird. Einer Mischung aus billigem Glamour, gezielter Geschmacklosigkeit und dem bedingungslosen Willen zur Verruchtheit. Die Mädchen, die im richtigen Leben vielleicht gerade an ihrem Abschluss in Kunstgeschichte arbeiten, tragen Pfennigabsätze und asymmetrische Frisuren, die von blonden Strähnchen durchsetzt sind, die Jungs Goldketten zu Muscle-Shirts oder schmale rote Krawatten. Die Musik, die aufgelegt wird, ist Neo-Electro, jener Sound, der mit seinen Roboterstimmen und von prähistorischen Synthesizern generierten Bässen den Genuss an der Entfremdung feiert, um doch gleichzeitig mit jedem Vocoderseufzen die Sehnsucht nach einer Zeit mitschwingen zu lassen, als man den Unterschied zwischen Mensch und Maschine noch am Klang erkennen konnte.

Geschmacklosigkeit, Verruchtheit, Entfremdung, Sehnsucht - das passt zu den dekorativen Gitterstäben, die die Bühne umgeben, aber zu Berlin?

"Es sollte etwas Düsteres haben", sagt Larry Tee, der Berliniamsburg-Organisator, wenn man ihn fragt, wie er auf diesen Namen gekommen sei. Larry Tee ist ein freundlicher Mann um die Vierzig. In den Achtzigern war er mitverantwortlich für Supermodel, ein Stück mit dem der Transvestit RuPaul zu kurzfristigem Weltruhm gelangte. Tee war noch nie in Berlin, aber das ist für ihn auch nicht weiter wichtig. "Ich kann mich noch daran erinnern, dass hier in den Achtzigern die ganz fertigen Junkies immer gesagt haben, ich hab' keine Lust mehr auf diese Stadt, ich geh' nach Berlin."

Stadt der illegalen Parties Zwar kann man in Berliniamsburg lange nach einem Junkie suchen, ohne fündig zu werden, und selbst die Zahl der schwer Betrunkenen kann man an einer Hand abzählen, ohne die Zigarette fallen zu lassen. Aber wahrscheinlich müssen solche schweren Geschütze aufgefahren werden, wenn es gilt, den ewigen bohemistischen Traum, sich bei minimaler Arbeit am Tag des Nachts maximal selbst zu verwirklichen, in einer Stadt verteidigen möchte, in der die guten Jobs weniger geworden, die Mieten aber trotzdem nicht signifikant gesunken sind und der Bürgermeister jüngst ankündigte, das Rauchen nun auch in Bars und Clubs restlos verbieten zu wollen. Für einen Alt-Hipster wie Larry Tee hat New York im Laufe der Neunziger etwas verloren, den wilden Spaß, die bohemistische Extravaganz. Deswegen muss er reimportiert werden. Wo Tee nun Berlin draufschreibt, ist vor allem New York drin.

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