Trauernd in die Flagge gehüllt
Der 11. September 2001 ließ die USA in einen patriotischen Dämmerzustand verfallen. Alle Selbstkritik erlosch. Nach einem Jahr ist es höchste Zeit, wieder aufzuwachen
In New York kursiert eine Geschichte über den Vormittag der Katastrophe am World Trade Center. Eine Frau ruft ihren Ehemann auf dem Handy an und fragt ihn: "Wo bist du?" - "In meinem Büro natürlich." - "Dein Büro ist soeben bei einem Anschlag von Terroristen eingestürzt." Der Ehemann, der mit seiner Geliebten im Bett liegt, verstummt. "Hallo?", ruft seine Frau.
"Hallo?" Wie die Geschichte ausgeht, weiß ich nicht, aber mein Mann, ein Spezialist für Scheidungsrecht, erzählt, dass sich seit dem 11. September die Zerwürfnisse häufen. Angesichts der Bedrohung sinkt offenbar die Toleranz für zerrüttete Beziehungen.
Psychiater sagen, dass die Kinder in New York seit dem 11. September erheblich ängstlicher geworden seien und keiner so richtig wisse, wie man sie beruhigen soll. Psychologische Tests an Schülern bestätigen diesen Eindruck.
Ein Nebel von Angst hat sich über die Stadt gelegt. Wir alle warten auf den nächsten Angriff und wünschten, jemand hätte eine Ahnung, wie man ihn verhindern könnte. In Ermangelung "glaubwürdiger Informationen" haben wir uns in die Nationalflagge gehüllt. Großformatige Flaggen, Minifähnchen und Flaggenaufkleber haben sich über die ganze Stadt verbreitet. Fotomodelle, Damen der Schickeria und sogar Transvestiten lassen sich in Flaggenkleidern ablichten. Gebäude sind mit der Nationalflagge verhüllt, fliegende Händler verkaufen sie. "Diese Farben suchen nicht das Weite", prahlt die Aufschrift eines beliebten T-Shirts.
Die Flaggen und Flaggenfaksimiles haben die gleiche Wirkung auf Osama bin Laden wie Knoblauch auf Dracula, aber das hindert die Leute nicht daran, sie zur Schau zu stellen. Wenn ich weniger zynisch wäre, würde ich selbst ein solches Abzeichen tragen. Es hilft vielleicht nicht - aber warum sollte es schaden? Das Bedürfnis nach der Flagge ist das Bedürfnis nach einem Amulett, mit dem wir uns so unverwundbar fühlen können wie zuvor. Wir wünschen uns unsere Unschuld zurück. Wir möchten wieder das Gefühl haben, dass wir als Amerikaner, als Bewohner der Weltstadt New York gegen Chaos und Zerstörung immun sind. In Wahrheit sind wir niemals immun gewesen. Das Gefühl, immun zu sein, war nur der Beweis unserer Überheblichkeit. Jetzt hat sich New York zur übrigen Menschheit gesellt.
Die Stadt war immer meine Heimat, und ich habe sie mir niemals unverwundbar vorgestellt. Als Kind spielte ich auf den Felsnasen im Central Park, gab vor, ein Indianermädchen zu sein, und blendete die Wolkenkratzer aus, indem ich blinzelte. Ich hatte immer Fantasien, in denen New York von Atombomben getroffen, vom steigenden Meeresspiegel überflutet und wenn auch nicht von Terroristen, so doch von Meteoriten zum Einsturz gebracht wurde. Ich ahnte immer, dass unsere Größe nur von vorübergehender Dauer sein könnte. Ich malte mir aus, wie New York für die ersten holländischen Siedler ausgesehen haben musste, weil ich mir die Stadt als ein jungfräuliches Eden vorstellen wollte.
Ephesus, Petra, Baalbek - Ruinen haben mich stets fasziniert, weil sie zeigen, wie selbst die größten Zivilisationen vergehen. Ich war immer in der Lage, mir dort, wo New York City normalerweise steht, einen Krater vorzustellen. Jetzt kann es jeder andere auch.
- Datum 29.08.2002 - 14:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 36/2002
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