Übungen im wilden Denken
Stanley Cavells Philosophie schärft unser Empfindungsvermögen
Stanley Cavell ist in der gegenwärtigen deutschsprachigen Philosophie immer noch ein Geheimtip. Zu fremd wirkt der heute 75-Jährige, der bis 1997 in Harvard lehrte, in einer intellektuellen Kultur, die dominant disziplinär und diszipliniert denkt. Wenig weiß sie mit einem philosophischen Typus anzufangen, der ebenso über Rawls und Kripke wie über Nietzsche und Derrida schreibt, der die romantisch-amerikanische Tradition eines Emerson und Thoreau pflegt, aber sich durchaus auch zur Sache des Feminismus zu Wort meldet, der sich als Experte zu Shakespeare erweist und den Film, wie zuletzt nur Deleuze, zum Sujet der Philosophie erklärt.
Doch es ist nicht nur die Diversität der Themen, mit denen Cavell Argwohn auf sich zieht. Ebenso sehr bewirkt dies umgekehrt die zentrale philosophische These, die sich durch all seine Themen hindurchzieht. Sie lautet, dass die treibende Kraft der Philosophie, zumindest der neuzeitlichen, postcartesianischen Philosophie, das Bemühen ist, die conditio humana, oder das Gewöhnliche, zu überwinden. Und diesen fundamentalen Impuls nennt Cavell, abweichend vom philosophischen Sprachgebrauch, "Skeptizismus".
Der Skeptizismus gilt als die Position, die sicheres Wissen leugnet. Ob vor uns ein Stuhl steht, ob jemand Schmerzen hat et cetera, können wir demnach niemals (wirklich) wissen. Durch ebendieses Nichtwissen, das, genauer besehen, ein Wissen vorstellt, das (lediglich) alltagspragmatisch beglaubigt ist, sind wir, so Cavell, als menschliche Wesen gekennzeichnet. Ebenso sehr aber auch durch die Bedingung, jene Bedingung des Gewöhnlichen nicht (vorbehaltslos) akzeptieren zu können. Der Konflikt zwischen diesen beiden "Stimmen" der Philosophie, zwischen der Philosophie der gewöhnlichen Sprache und der Metaphysik, ist unausweichlich und bringt den Skeptizismus im umfassenderen Sinn hervor.
Wie Wittgenstein ist Cavell also der Überzeugung, dass es zu den Zwängen der Philosophie gehört, dem Gewöhnlichen auszuweichen und eben dadurch, in Anlehnung an Freud und Heidegger, eine ontologische "Unheimlichkeit" hervorzubringen. Der Aufsatz Die Unheimlichkeit des Gewöhnlichen, der dem von Davide Sparti (Siena) und Espen Hammer (Essex) herausgegebenen Band den Titel leiht, bietet eine Zusammenfassung all dessen, was Cavell intellektuell umtreibt. Aber auch die anderen Essays, die verschiedenen Hauptwerken Cavells entnommen sind, bringen einem diesen ganz und gar nicht unheimlichen Denker näher. Die Herausgeber haben dazu eine hilfreiche Einleitung beigesteuert und darüber hinaus jedem Essay eine kurze Einführung vorangestellt.
Zu guter Letzt hat Hilary Putnam, Cavells Kollege aus gemeinsamen Harvard-Zeiten, ein Nachwort geschrieben. Dort kann man lesen, dass Cavell zu lesen heiße, nicht nur Logik und Argumentation, sondern auch das eigene Empfindungsvermögen zu schärfen. Das aber bereitet erfahrungsgemäß den meisten akademischen Philosophen ebenso große Schwierigkeiten wie Cavells interdisziplinäres, ,wildes' und eigenwilliges Denken. Aber ein guter Einstieg ist nun auch für die deutschsprachigen Leserinnen und Leser möglich.
Und vielleicht wird man ja dennoch auch in diesem Falle auf die geheimnistuerische Frage, ob man Cavell lese, bald hören: "Nicht immer, aber immer öfter."
Stanley Cavell: Die Unheimlichkeit des Gewöhnlichen und andere philosophische Essays
- Datum 29.08.2002 - 14:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 36/2002
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