Vergesst Johannesburg ...
... wenn der UN-Gipfel bloß ein Woodstock der Weltverbesserer bleibt
Am Montag versammelten sich in Johannesburg Abertausende zum größten UN-Jamboree aller Zeiten - Diplomaten und Politiker, Manager und Aktivisten.
Sie reden über Armut und die Rettung der Umwelt, über Energiemangel und Wasserknappheit. Das Konklave in Südafrika, der Weltgipfel für nachhaltige Entwicklung, ist das Woodstock aller Weltverbesserer.
Es kann aber auch zum Festival der Heuchelei geraten - wenn am Ende wieder nur schöne Worte stehen und der Wille zum Handeln fehlt. Die hochwassergeschädigten Deutschen haben gerade gelernt, was Nachlässigkeit bedeutet. Fachleute hatten sie oft genug gewarnt. Ihr Rat wurde in den Wind geschlagen. Nun ist Umweltpolitik wieder gefragt. Nur aus Schaden wird man klug.
Die internationale Gemeinschaft versucht zu handeln, bevor es zu spät ist. Es begann vor zehn Jahren mit dem Erdgipfel in Rio de Janeiro. Seitdem aber leidet die Weltverbesserung unter Glaubwürdigkeitsschwund. In Rio versprachen die reichen Länder, ihre Entwicklungshilfe aufzustocken und den Ausstoß von Treibhausgasen zu mindern. Das Gegenteil geschah. Die Entwicklungshilfe ging auf ein historisches Tief zurück, die Klimabelastung stieg auf ein Allzeit-Hoch.
Bei so viel Doppelzüngigkeit überrascht es fast, dass sich vieles zum Besseren gewendet hat. Zum Beispiel: Noch nie lebten so viele Menschen wie heute in halbwegs demokratischen Staaten. Das weltweite Pro-Kopf-Einkommen steigt seit langem um jährlich 1,2 Prozent. Und das globale Bevölkerungswachstum flacht allmählich ab.
Sünde wider den Freihandel
Dennoch besteht kein Grund zur Entwarnung. Flugzeug, Fernsehen und Internet haben den Blauen Planeten zum globalen Dorf schrumpfen lassen. Nur: Fast die Hälfte aller 6,2 Milliarden Dorfbewohner lebt von weniger als zwei Dollar am Tag. Rund 800 Millionen leiden Hunger, 1,1 Milliarden fehlt sauberes und bezahlbares Wasser, 1,6 Milliarden haben keinen Strom, und 2,4 Milliarden verfügen über keine Sanitäranlagen. Weil die Kluft zwischen Reich und Arm größer wird, wachsen die internationalen Spannungen, einschließlich der Terrorismusgefahr.
- Datum 29.08.2002 - 14:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 36/2002
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