Wie aus Schrott Geld wird
Viele Eigentümer von alten Gebrauchtwagen wissen es nicht: Selbst Rostlauben bringen Händlern gute Gewinne - dank großer Nachfrage in Afrika und Osteuropa
Ich bremse auch für Tiere", behauptet der Aufkleber am Heck des blauen Polo. Ein Versprechen aus einer besseren Zeit. Denn Bremsen oder aus eigener Kraft zu fahren ist für den betagten Wagen nicht mehr drin. Deswegen rammt ihn ein Geländewagen, an dessen Stoßstangen Autoreifen als Puffer gebunden sind, mit energischem Röhren Rampe um Rampe in den Bauch der Sea Tarak. Rund 3000 Pkw fassen die zehn Decks des 176 Meter langen Schiffes. Ein Drittel wird im Hamburger Hafen geladen, der Rest in Antwerpen. In zwölf Tagen wird das Schiff Häfen an Afrikas Westküste anlaufen, wo Hunderte von Hilfskräften die Wagen von Bord schieben, ziehen, zerren und tragen werden. Zum Beladen in Hamburg reichen zehn Mann, denn irgendwie fahren die meisten Autos dann doch noch die paar Meter.
Die verwegene Fahrertruppe scheint im Schiffsbauch für die Formel 1 zu trainieren. Reifenquietschen hallt von Eisenwänden und -decken, es riecht nach heißem Gummi. Zeit ist Geld. 1000 Autos sollen in zwölf Stunden aufs Schiff. Auf dem riesigen Parkplatz schiebt ein Mann eine Starthilfebatterie in einem Einkaufswagen von Auto zu Auto. Antennen, Außenspiegel, Blinker - alles, was beim Entladen in Afrika schnell abgeschraubt und gestohlen werden könnte, wird vorsorglich in den Kofferräumen deponiert. Alle zwei Wochen legt ein Transporter der Abou Merhi Line in Hamburg an und holt ab, was Autohändler aus Deutschland, der Schweiz, Dänemark, Schweden und Norwegen anliefern.
Jetzt sind Japaner gefragt
"Vom privaten Verkäufer in Europa bis zum privaten Käufer in Afrika wechselt ein Pkw gut und gerne zwölf Mal den Besitzer. Und alle verdienen daran", sagt Reedereibesitzer Abou Merhi, 45. Kein Wunder, dass sich der Preis des Wagens verdrei- oder sogar vervierfacht. Dabei haben sich die Frachtgebühren zur Freude der rund 400 Kunden der Abou Merhi Line in den vergangenen Jahren von 800 Mark auf 200 Euro halbiert - Folge des Konkurrenzkampfes in der Branche.
Der beschränkt sich längst nicht auf das Drehen an der Preisschraube: Kürzlich wäre in Belgien beinahe eine Autobombe im Schiffsbauch explodiert.
Sechs Schiffe mit bis zu 5500 Pkw-Plätzen pendeln für Abou Merhi zwischen Europa und Afrika und machen die Reederei zur Nummer eins für den Export nach Togo und Benin. Höhepunkt einer Bilderbuchkarriere: Vor 25 Jahren flüchtete der gelernte Sportlehrer Merhi vor dem Bürgerkrieg aus Beirut nach Deutschland. Er arbeitete zunächst als Dolmetscher, bis er erkannte, dass viele Ausländer nach günstigen Transportmöglichkeiten für hier gekaufte Autos suchten. Merhi: "Früher war fast jeder zweite Wagen ein Mercedes. Wir haben Deutschland fast entleert von alten Mercedes-Benz. Jetzt sind vor allem Japaner gefragt." Aber auch Audi, VW und BMW stehen im Hamburger Freihafen, auf Kontakt geparkt. Nur Ford will in Afrika niemand haben.
Seit die Hauptabnehmerländer für deutsche Gebrauchtwagen, Polen und die ehemaligen GUS-Staaten, anspruchsvoller geworden sind, gewinnt der Afrika-Handel an Bedeutung. So galt Polen viele Jahre als Eldorado für Unfallautos. Aufgrund des Lohngefälles lohnte es sich, sogar Schrottmühlen im östlichen Nachbarland zusammenzuflicken. Nicht immer zum Vorteil der Käufer
- Datum 29.08.2002 - 14:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 36/2002
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