Wienerlieb, Wienerleid
Ein von Günter Berg herausgegebenes Insel-Taschenbuch heißt so schön Bertolt Brecht Lektüre für Minuten. Gedanken aus seinem Werk. Ich frage mich, warum es nicht Brecht für Gestresste heißt. Irgendwer war sicher gestresst, nur Brecht nicht, der (Journale, 26-296, 8f.) schrieb: "Ich glaube von jedem Menschen das Schlechteste, selbst von mir - und ich habe mich noch selten getäuscht." Das steht unter der fetten Überschrift Menschliche Verhältnisse, doch, wie Brecht richtig sagt, die Verhältnisse sind nicht so, denn das Zitat stammt von Nestroy, und es ist hoch interessant, wie zart der Abschreiber vom Original abweicht. In Nestroys Die beiden Nachtwandler oder das Notwendige und das Überflüssige von 1836 sagt Fabian Strick, der Geselle des armen Seilers Sebastian Faden: "Ich glaube von jedem Menschen das Schlechteste, selbst von mir, und ich hab' mich noch selten getäuscht."
Der Gedankenstrich bei Brecht läuft unter Lektorat, ebenso die Übersetzung ins eingebürgerte Hochdeutsch. Jürgen Hein und Claudia Meyer haben in Theaterg'schichten, einem Führer durch Nestroys Stücke, dem Zitat vom verbindlichen, einen selbst nicht aussparenden Misstrauen ein "Er gesteht" vorangestellt. Auf jeden Fall geht der Satz tief, er kommt von so weit unten wie sonst nur ein Geständnis
er ist ein scharfer Ausschnitt aus der Wiener Mentalität, ja aus der österreichischen, die Robert Musil im Kakanien-Kapitel des Mannes ohne Eigenschaften der ganzen modernen Welt nachsagt. In Kakanien war nicht nur "die Abneigung gegen den Mitbürger ... bis zum Gemeinschaftsgefühl gesteigert, sondern es nahm auch das Mißtrauen gegen die eigene Person und deren Schicksal den Charakter tiefer Selbstgewissheit an".
In dergleichen sind wir uns heute alle einig.
Dass Brecht die Laxheit in Eigentumsfragen auch in seinem Journal zelebriert, ist mir kein Problem, und dass Berg, der Brecht auf Minuten verkürzt, nichts von Nestroy merkt, ist wohl auch keines. Aber ich unterstelle, dass das Zitat bei Brecht etwas ganz anderes bedeutet, als das Wiener Original zu verstehen gibt. Bei Brecht ist es bereits der Schuft, der triumphiert, dass man auf ihn nicht bauen kann. Er nutzt die Lage, die ihm das Zitat beschreibt, für sich aus. Im Original spricht ein gefährdeter Mensch, der sich eine Maxime vorsagt, um den ohnedies unvermeidlichen Schaden zu minimieren
er sucht Schutz vor dem Schuft, der ihm am Ende auch noch die Formeln seiner Lebensweisheit entwenden wird.
Jürgen Hein, ein deutscher Professor, ist einer der Mitherausgeber der historisch-kritischen Nestroy-Ausgabe. Jetzt hat er bei Reclam ein aufregendes Heft veröffentlicht: Wienerlieder. Von Raimund bis Georg Kreisler. Nein, einen Raimund Kreisler hat es - zumindest in der Liedkunst - nie gegeben. Ferdinand Raimund hingegen dichtete schöne Lieder: "Da streiten sich die Leut herum / Oft um den Wert des Glücks, / Der eine heißt den anderen dumm / Am End weiß keiner nix." Aber die Gleichheit im Nichtwissen ist nicht die endgültige. Die peinlichen und überflüssigen Unterschiede zwischen den Menschen mähen am Schluss der Große Schnitter und sein Vorbote, das Schicksal, nieder: "Das Schicksal setzt den Hobel an / Und hobelts' beide gleich."
- Datum 29.08.2002 - 14:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 36/2002
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