Wir sind die Letzten. Fragt uns aus. Wir sind zuständig

Sein Vater war Bankier und Prokurist in einem Dresdner Bankhaus. Der Sohn war fünf Jahre, als sein Vater Teilhaber einer Berliner Privatbank wurde und die jüdische Familie nach Berlin zog. Er erinnerte sich an Ausflüge in den Grunewald mit gemietetem Auto und Chauffeur. Seiner Erinnerung nach zog der Vater die ältere Schwester vor, während er der Liebling der Mutter war. Ihre Liebe war selbstverständlich für ihn, sie wurde ihm geschenkt. Aber er wollte die Liebe des Vaters. Er wollte nicht aus Mitleid geliebt werden, weil der andere, den ich liebte, sich nicht um mich kümmerte, nicht mit mir sprach, mich beiseite schob und meine Schwester anlächelte und nicht mich.

Er war zwölf, als der Erste Weltkrieg ausbrach. Als der Kaiser zur Bevölkerung sprach, stand er mit seinem Vater vor dem Königlichen Schloss, vier Jahre später vor dem Alten Museum, vor dessen Stufen Ignatz Wrobel alias Kurt Tuchholsky eine begeisterte Menge zur Revolution aufrief. Wir waren im Zustand einer religiösen Dauerekstase, eines ewigen Hingerissenseins, in einer Nähe zum Menschen, wie vielleicht noch keine andere Generation zuvor, schrieb er später und: Im Berlin der berühmten zwanziger Jahre aufgewachsen zu sein, wird heute von vielen als ein beneidenswerter Glücksumstand betrachtet. Es darf jedoch nicht vergessen werden, daß im Deutschland der Weimarer Republik, und Berlin war seine künstlerische Metropole, nicht nur der Geist des Jahrhunderts mitgeprägt wurde, sondern auch sein Untergang, das neben dem Expressionismus, dem Bauhaus ... auch noch ein anderes Deutschland die große Abrechnung vorbereitete.

Anzeige

Als ich achtzehn Jahre alt war, fragte mich mein Vater, ob ich studieren wollte. Ich wollte dichten, nicht studieren. > Ein Gedicht macht noch keinen Dichter<, sagte mein Vater, >du sollst etwas lernen, was du später verwerten kannst, Germanistik sogar, wenn es sein muß, oder Kunstgeschichte ...<

Warum hatte ich zu schreiben begonnen? Um mich bemerkbar zu machen, um einzugreifen in das Geschehen, um meine Meinung zu sagen und die Welt zu verändern? Es war die Zeit, in der die Söhne gegen die Väter rebellierten ...

In München begann er mit dem Studium der Literatur- und Kunstgeschichte. Die Vorlesungen Wölfflins waren ein gesellschaftliches Ereignis. Aber er ging lieber ins Café Stefanie, wo er seine Freunde traf. Wenn er später an München dachte, fielen ihm statt des Inhalts der Vorlesungen eher die Namen derer ein, die sie besucht hatten. Viele von ihnen traf er später im Exil wieder.

Nach einem Jahr wechselte er nach Leipzig, Berlin und zuletzt nach Breslau, wo er zum Doktor der Philosophie promovierte.

Er wurde Theater- und Filmkritiker und Feuilletonist des Berliner Börsen Couriers. Sein Name wurde in den zwanziger Jahren schnell bekannt. Als er in einer Artikelserie antidemokratische, autoritäre Tendenzen in den Klassikern der Leihbibliothek aufdeckte, kam er auf die schwarze Liste. 1933 fuhr er mit dem Zug nach Prag, von dort nach Zürich und Paris. Er war linksorientiert, aber kein Kommunist und kam in den (von Moskau gelenkten) Vorstand des Schutzverbandes Deutscher Schriftsteller im Exil. Nach Stalins Pakt mit Hitler 1939 legte er sein Amt nieder und weigerte sich, die Erklärung des Verbandes gegen ein Mitglied zu unterschreiben, das es gewagt hatte, die Moskauer Prozesse zu kritisieren und Stalin mit Hitler zu vergleichen. Er schrieb später: Wieviel Mut, wieviel Selbstüberwindung gehörte dazu, sich von den Menschen, mit denen man zusammen kämpfte, mit denen man hungerte, arbeitete, liebte, litt, zu distanzieren, ihnen zu sagen, daß man ihre Politik nicht mehr billigte, und sich der Gefahr aussetzte, von ihnen gemieden, ja, sogar verfolgt zu werden. Nein zu sagen, und das noch im Exil!

Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    Service