allige Melancholie

Das Schöne an Kunst ist, dass sie niemals "falsch" sein kann. So hat die Musikwissenschaftlerin Nanny Drechsler den Müllerburschen aus Franz Schuberts "Die schöne Müllerin" einmal einen "sanften, geradezu wassersomnambulen Gesellen" genannt: Derjenige, der da 20 Lieder hindurch halluziniert, leidet und stirbt, sei kein pausbäckiger Biedermeierling, sondern ein facettenhaft zusammengesetztes, heftig nach Auflösung strebendes lyrisches Ich. "In der Figur des Müllerburschen, des armen weißen Mannes, der nicht gesellschaftsfähig, maskulin und erwachsen werden kann", resümiert Drechsler nach überzeugender Analyse, "enthüllt sich das lange tabuisierte Männlichkeitstrauma einer bürgerlichen Gesellschaft." Und so stehe in dieser Welt der Tagträumer gegen "den Tatmenschen, die Laute gegen das Horn, das Wasser gegen den Wald" - und das "so genannte Männliche gegen das so genannte Weibliche".

Was aber bedeutet es, wenn der Bariton Matthias Goerne in seiner ersten Müllerin (Decca 470 025-2) nun sehr wohl den scheiternden Tatmenschen über den Tagträumer kommen lässt, das Horn des Jägers über die Laute des Liebenden? Dass er sich mit seiner Interpretation nicht ganz auf der Höhe der Zeit bewegt - im Gegensatz etwa zu Fritz Wunderlichs strahlender Naivität, zu Brigitte Fassbaenders Tiefe oder zu Jochen Kowalskis Gebrochenheit? Oder dass die Wissenschaft doch irrt? Goerne und sein Begleiter Eric Schneider erzählen die Geschichte des Müllerburschen vom Schluss her. Alles Bangen um die Liebesgunst der wankelmütigen Müllerin ist ihnen vergebens, alle Empörung geschieht einzig um der Empörung willen, und alle Trauer erstarrt zu galliger Melancholie. Am Ende aber scheint nichts ferner, nichts abwegiger als "der Himmel da oben" und ein bisschen Trost. Eine sehr irdische, sehr "männliche" Lesart.

Entsprechend weit spreizen sich die Extreme: Die eher langsamen Lieder (Wohin?, Der Neugierige) nehmen Goerne und Schneider sehr langsam, als wollten sie auf Klanginseln wie "ihr blauen Morgensterne" ausruhen, als wollten sie den Lauf des Geschehens, der sich in den schnellen Liedern (Ungeduld, Der Jäger) förmlich überstürzt, für Augenblicke anhalten. Nur was vorbei ist, kennt keine Hoffnung mehr. Sehr deutlich gehen die Impulse und Akzente dieser Aufnahme dabei vom Klavier aus: Schneider erweist sich als einer der kühnsten und idiomatischsten Liedpianisten der jüngeren Generation.

Goernes kehligviriles Baritontimbre hingegen könnte sich neben seinen seidigen, lichten Piani durchaus noch ein paar Farben, ein paar Zwischentöne mehr leisten. Auch nimmt er es mit der Deklamation nicht immer so genau. Sein sängerisches Engagement aber ist umwerfend - und zwangsläufig niemals "falsch".

 
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    • Quelle DIE ZEIT, 36/2002
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