B I L D U N G Vision Dorfschule

Die Pädagogik nimmt die Grundschule wieder ernst und erprobt einen neuen Unterricht. So sollen Fünf- bis Achtjährige zusammen lernen

Max ist gerade mal fünf und schon seit einem halben Jahr Schulkind. Im vergangenen März besuchte er als Schnuppergast für eine Woche den Unterricht und fand Tafeln und Buchstaben, Plus und Minus so aufregend, dass er danach nicht mehr zurück in den Kindergarten wollte. Heute ist der Junge im Lesen, Schreiben und Rechnen so weit wie seine Mitschüler, die schon ein ganzes Schuljahr hinter sich haben. Max sitzt neben der zwei Köpfe größeren achtjährigen Dorentina, kennt aber bereits ebenso viele englische Wörter wie sie.

In der Silcher-Grundschule in Fellbach bei Stuttgart lernen Erst- und Zweitklässler seit ein paar Jahren gemeinsam. Einschulung wird hier zweimal im Jahr gefeiert - im Frühjahr und im Herbst. Und wer will und kann, darf wie Max bereits als Fünfjähriger mit dem Lernen beginnen. In Baden-Württemberg ist das alles seit 1997 möglich. Was mit wenigen Klassen begann, ist heute der größte Schulversuch Deutschlands. 657 Grundschulen proben den "Schulanfang auf neuen Wegen".

Nicht nur in Baden-Württemberg, überall in Deutschland entdeckt die Politik das frühe Lernen. In keiner Lebensphase - die Kognitionsforschung hat es bewiesen, und jeder Kultusminister kann es inzwischen herunterbeten - sind Menschen so aufnahmefähig wie zwischen vier und zehn Jahren. Bundeskanzler Schröder verkündet sogar ein "Recht auf Bildung für Drei- bis Vierjährige" (ZEIT Nr. 27/02). Kindergärten sollen von bildungsfreien Zonen zu Lernwerkstätten werden, Förderkurse in fast allen Bundesländern wollen benachteiligten Kindern schon bei der Einschulung einen besseren Lernstart ermöglichen.

Die Grundschulen waren bisher das "Stiefkind des Bildungswesens", wie die Pädagogikprofessorin Renate Valtin von der Berliner Humboldt-Universität sagt. Doch nicht zuletzt das schlechte Abschneiden von Deutschlands 15-Jährigen im Schulleistungstest Pisa habe deutlich gemacht, dass der Fehler schon dort im System stecke, "wo alles losgeht": in den ersten Schuljahren. Mit Bangen sehen daher Deutschlands Bildungspolitiker den Ergebnissen von Iglu entgegen, der ersten internationalen Lesestudie für Grundschüler, die im April kommenden Jahres veröffentlicht wird. Die Voraussetzungen für Deutschland sind wenig erfolgversprechend:

- Im Gegensatz zu den Gymnasiasten, die in Deutschland überdurchschnittlich viel Geld bekommen (5100 Euro pro Schüler), werden für einen Grundschüler nur rund 3500 Euro im Jahr aufgewendet, viel weniger als in den meisten anderen Industrieländern.

- Deutsche Abc-Schützen haben weniger Unterrichtsstunden als ihre Alterskollegen in den Nachbarstaaten. Während diese oft bis zum Nachmittag in der Schule bleiben, endet hierzulande der Unterricht meist am späten Vormittag.

- Die Mängel der Lehrerausbildung sind bei den Grundschulpädagogen besonders ausgeprägt. In Berlin zum Beispiel, so klagt Renate Valtin, lernen die angehenden Lehrer in ihrem gesamten Studium gerade einmal 14 Doppelstunden lang, wie sie Abc-Schützen das Lesen und Schreiben am besten beibringen. Ein Vielfaches an Zeit müssen sie dagegen für das von ihnen gewählte Spezialfach aufwenden - für ein Wissen, das sie später in der Schule kaum benötigen.

Doch nun soll es vorbei sein mit der Vernachlässigung. Die "Kuschelstuben" sollen mehr Leistung bringen. So wollen beispielsweise alle Bundesländer künftig den Fremdsprachenunterricht in der Grundschule beginnen lassen, Baden-Württemberg will ihn vom Schuljahr 2003/2004 an sogar flächendeckend in der ersten Klasse einführen. Zugleich sollen die Grundschulen flexibler werden und individuell und kindgerecht auf die unterschiedlichen Entwicklungsvoraussetzungen reagieren, mit denen Kinder heute in die Schule kommen.

Gleichmacherei hilft keinem Schüler

Die individuelle Betreuung ist auch das Ziel des Modellversuchs "Schulanfang auf neuen Wegen". In den jahrgangsgemischten Klassen der Silcher-Schule, so sagen die Klassenlehrerinnen stolz, "gibt es keine gelangweilten oder überforderten Kinder mehr". Denn jeder einzelne Schüler werde nach seinen Begabungen und Talenten gefördert. "Bisher mussten die Kinder gleichgemacht werden, dadurch wurden die Begabten stillgehalten, und die Lernschwachen kamen irgendwann nicht mehr mit", sagt die Lehrerin Christel Ringwald.

Wie das anders geht, beweist ihre Kollegin Marie-Luise Laipple in der Deutschstunde. Sie hat eine Bildergeschichte wild durcheinander gemischt - die Mädchen und Jungen sollen sie in die richtige Reihenfolge bringen. Kinder, die noch nicht lesen können, bekommen nur Bilder, andere zusätzlich ein wenig Text, und Kinder, die schon sehr gut lesen können, bekommen einen sehr langen Text ohne Bilder. Die Schüler können in jeder Unterrichtsstunde zwischen unterschiedlichen Herausforderungen wählen - und jederzeit auf das höhere oder niedrigere Niveau wechseln. Nicht selten gibt es sogar ein gesondertes Arbeitsblatt für einen einzelnen Schüler. Auch Leistungskontrollen und Diktate werden mit unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden geschrieben.

"Wir klammern die Kinder nicht an uns. Wer will, schafft die Grundschulzeit in drei Jahren, wer mehr Zeit braucht, bekommt sie", erklärt Schulrektor Werner Ellwanger. Das neue Unterrichtsmodell sei auch ein "Angebot für die extremen Ränder der Heterogenität". Von Sitzenbleibern redet dabei niemand. Lernschwache Kinder verbleiben einfach in der Klasse und sind für die nachrückenden Erstklässler nun die Großen und Erfahrenen, die wissen, wie Schule funktioniert. Ihrem Selbstbewusstsein tut das gut.

Wie sinnvoll dieses Konzept ist, belegt eine aktuelle Studie der Universität Nürnberg-Erlangen. Diese testete in 32 Grundschulklassen die Lernvoraussetzungen und bestätigte, was Pädagogen seit Jahren beklagen: Die Unterschiede zwischen den einzelnen Schülern sind größer denn je. Während manche zu Schulbeginn schon kleine Texte lesen und schreiben sowie sicher bis 20 rechnen können, kennen andere nicht einen einzigen Buchstaben und verstehen mitunter nicht einmal den Unterschied zwischen größer und kleiner. In vielen ersten Klassen sitzen schüchterne Lerneifrige neben aufgerehten ADS-Kindern, die es keine fünf Minuten an ihrem Platz hält; sitzen deutsche Muttersprachler neben ausländischen Steppkes, die nur gebrochen Deutsch sprechen. Eine Untersuchung von Berliner Schulanfängern etwa bescheinigte jedem zweiten Kind sprachliche Mängel.

Die Ursachenforschung für die zunehmenden Sprachauffälligkeiten steht in Deutschland noch am Anfang. "Den Kindern geht das Gefühl für Laute und Silben verloren", sagt der Entwicklungspsychologe Marcus Hasselhorn von der Universität Göttingen. Wer nicht auf den Klang und die Laute eines Wortes achtet, für den beginnt das Wort Lampe mit A und nicht mit L. Damit sind Lese- und Rechtschreibschwierigkeiten programmiert.

Die Schulunlust kommt mit acht

Auf solche und ähnliche Schwierigkeiten reagieren die Grundschulen meist damit, dass sie Kinder zurückstellen - in Mecklenburg-Vorpommern etwa werden bis zu 14 Prozent eines Jahrgangs verspätet eingeschult. Deutschlands Abc-Schützen sind im Durchschnitt ein Dreivierteljahr älter als vor 30 Jahren, kommen oft erst mit sieben Jahren in die Schule, obwohl die Schulpflicht mit sechs beginnt. So trägt der verzögerte Lernbeginn mit dazu bei, dass deutsche Abiturienten und Hochschulabsolventen zu den ältesten im europäischen Vergleich zählen.

Auch die Lehrer der Silcher-Grundschule stellen fest, dass die Verhaltens- und Wahrnehmungsstörungen mit jedem Schuljahr zunehmen. Sie jedoch verstehen die Verschiedenartigkeit der Kinder nicht als Belastung, sondern als Chance. Die deutsche Pädagogenunsitte, sich hauptsächlich am Durchschnitt zu orientieren, Schüler sitzen bleiben zu lassen oder bei der Einschulung zurückzustellen, gehört in den Fellbacher Modellklassen der Vergangenheit an. Insgesamt fiel die Zurückstellungsquote in Baden-Württemberg in den vergangenen acht Jahren von 10,4 auf 6,2 Prozent. Dafür stieg die Zahl der vorzeitigen Einschulungen von 1,4 auf 8,4 Prozent. Viele Eltern haben sich offenbar von dem neuen Grundschulmodell überzeugen lassen.

Dabei deuteten die Anfänge auf einen solchen Erfolg des Modells nicht hin. "Ihr raubt den Kindern die Kindheit", bekam Christa Engemann, Referatsleiterin für Grund- und Hauptschulen beim baden-württembergischen Kultusministerium, zu hören, als sie Mitte der neunziger Jahre um Zustimmung für das Modellprojekt warb. Bis dahin gehörte der verspätete Schulstart ("Gönnt dem Kind doch noch ein Jahr") zum gesellschaftlichen Konsens, war der Schonraum der Kita heilig. "Dass es für die Älteren im Kindergarten aber oft kein Futter mehr gibt, schien kaum einer zu beobachten", erinnert sich Engemann.

Bei ihren eigenen drei Kindern hat sie erkannt, wie wichtig es ist, den richtigen Zeitpunkt für den Schritt in die Schule zu finden: "Kinder wollen ihre Leistungsgrenzen austesten, sie wollen Lesen und Schreiben lernen, weil sie spüren, dass sie dadurch auch unabhängiger werden." Die traditionelle Methode dagegen, Kinder durch ärztliche Einschulungstests auf ihre "Schulfähigkeit" zu prüfen und unreife Kinder ein Jahr zurückzustellen, habe vielen Jungen und Mädchen bereits vor dem ersten Unterrichtstag signalisiert, versagt zu haben. Die starren Stichtagsregelungen ignorierten zudem die enormen Entwicklungssprünge, die für dieses Alter typisch sind. "Ein Kinderjahr ist sehr lang", sagt Christa Engemann. "Vielleicht sind die festgestellten Defizite nach drei Monaten überwunden, das Kind muss dann aber trotzdem noch ein Dreivierteljahr auf die Schule warten."

Werden die Kinder dagegen früher eingeschult, auch wenn sie noch nicht alle Anforderungen an ein Schulkind erfüllen, ergibt sich oft ein positiver Effekt: "Im Alter von sechs, sieben Jahren durchläuft jedes Kind eine Phase des überoptimistischen Glaubens an sich selbst", sagt der Psychologe Marcus Hasselhorn. "Es glaubt, alles schaffen zu können." Niederlagen werden schneller weggesteckt, weil Wille und Neugier stärker sind als jeder Misserfolg. Spätestens mit acht Jahren erfolge dann der Wechsel zu einer realistischeren Selbsteinschätzung. Deshalb dürfe die Phase der großen Motivation nicht verpasst werden. Doch durch die immer spätere Einschulung rückt die Phase der Schulunlust und der Anstrengungsvermeidung, die typischerweise erst in Klasse drei oder vier eintritt, weit nach vorn. So ist es keine Seltenheit, dass Schüler schon gegen Ende der ersten Klasse die Freude am Lernen verloren haben.

In Baden-Württemberg werden alle schulpflichtigen Kinder eingeschult, ohne dass die Schulfähigkeit vorher getestet wird. Auch über vorzeitige Einschulungen entscheidet allein die Schulleitung. Nur in Ausnahmefällen wird ein Arzt hinzugezogen. Früher hieß es: "Wenn du den Arm über den Kopf legst und die Hand bis ans Ohr reicht, bist du groß genug für die Schule." Solche Kriterien sind passé. Die Eingangstests werden zunehmend von Erziehungswissenschaftler und Psychologen kritisiert. Sie bezweifeln die Prognosekraft und Treffsicherheit kognitiver, motorischer und sprachlicher Untersuchungen, weil diese stets nur Momentaufnahmen liefern können. Auch andere Bundesländer wie Schleswig-Holstein, Bayern und Berlin verabschieden sich allmählich vom Sortieren der Vorschulkinder auf der Grundlage ärztlicher Gutachten.

Vom Vorbeter zum Lern-Coach

Immer stärker wird die Entscheidung, wer die erste Klasse besuchen darf, den Eltern und den Schulen selbst überlassen. Dabei verschicken viele Schulen ihre Einladungen zum Einschulungsgespräch statt im Frühjahr neuerdings im Herbst. Sie lassen die Kinder erzählen, etwas malen oder gar schreiben. Bei sprachlichen oder auch motorischen Auffälligkeiten haben die Eltern danach noch ein ganzes Jahr Zeit, ihre Kinder in Sprachkursen fit für die Schule zu machen. 1200 solcher Vorbereitungskurse sollen im kommenden Jahr in Nordrhein-Westfalen starten. Hamburg und Niedersachsen planen Ähnliches. Verbleibende Defizite sollen durch Förderstunden wettgemacht werden. An der Silcher-Grundschule in Fellbach zum Beispiel wird es im kommenden Schuljahr zwölf Extrastunden für Schüler mit Lese- und Schreibschwächen geben.

"Individualisierung" und "Frühförderung" heißen die neuen Zauberworte. Beim Pisa-Test haben Länder wie Schweden und Finnland gut abgeschnitten, wo Schüler nach ihrem eigenen Rhythmus lernen. Vom den Lehrern fordert dieser Unterrichtsstil freilich ein drastisches Umdenken: Vom Vorbeter, dem die Kinder im Gleichschritt folgen, wird er zum Coach, der den Unterricht so organisiert, dass jeder nach seinem Niveau lernen kann. Diese Umstellung erfordert am Anfang immens viel Arbeit. Allerdings scheint man damit in den Grundschulen sehr viel weiter fortgeschritten zu sein als in den weiterführenden Schulen.

In Fellbach sieht man die Lehrerinnen auch sonntags über die Schulflure laufen, stets auf der Suche nach neuen Ideen und Arbeitsmaterialien. Mit Fibel und Mathematikbuch arbeitet in den jahrgangsgemischten Klassen kaum noch jemand. Vielmehr setzen die Lehrerinnen auf Wochenpläne, in denen die Schüler am Montag finden, was sie bis zum Ende der Woche gelernt haben sollen, Hausaufgaben inklusive. Ob sie mit dem Pensum bereits am Mittwoch oder erst am Freitag fertig sind, ist ihnen weitgehend selbst überlassen.

Trotz des zusätzlichen Aufwandes sagen die Lehrerinnen, dass sie heute mehr Spielraum haben. "Der jetzige Unterricht ist einfacher als in den alten Jahrgangsklassen", findet Marie-Luise Laipple. Wenn viele Schüler selbstständig arbeiten, gibt es Zeit, sich einem Sorgenkind zu widmen oder mit den Begabtesten auszuloten, an welche Aufgaben sie sich als Nächstes wagen möchten.

Bislang verläuft der Großversuch erfolgreich: Die Schüler in den altersgemischten Klassen zeigen keine Leistungsunterschiede im Vergleich zu den Jahrgangsklassen und sind im Lesen und Schreiben sogar besser. Der fünfjährige Max wollte sich nicht mal im Urlaub von seinen Schulsachen trennen. Heimlich steckte er das Schreibheft ein, nachdem ihm seine Mutter das Matheheft verboten hatte.

[Abstract]
 
  • Quelle (c) DIE ZEIT 37/2002
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