Der 11. September Das Imperium sucht seine Gewissheiten
Anschwellender Patriotismus, Antiterrorgesetze, Feldzüge gegen den neuen Feind - dennoch hat der 11. September die USA nicht aus dem Gleichgewicht gebracht.
Wenn am kommenden Mittwochmorgen um vierzehn Minuten vor neun in jedem Winkel Amerikas die Kirchenglocken läuten, wenn im Fernsehen das Horrorvideo vom Kollaps der Wolkenkratzer als Endlosband läuft, wenn die Nation sich einem Ritual der Selbstvergewisserung hingibt, dann wird aus tausend Kehlen zu hören und aus tausend Federn zu lesen sein, dass nichts mehr sei als wie zuvor. Dass eine Zeitenwende zu besichtigen sei, vergleichbar den Epochenbrüchen von 1918, 1945 und 1989. Nicht wenige, vor allem in Europa, werden klagen, Amerikas Präsident regiere mit imperialem Gestus, nach innen wie nach außen. Er nutze die Anschläge, um ein neues Rom zu errichten. Er verrate die Freiheit und tausche sie gegen die Sicherheit ein. Eine veränderte Welt, eine entstellte Demokratie. Nichts mehr als wie zuvor. Wirklich? Problem der Theorien über den 11. September ist ihre Neigung zu Superlativen. Unter dem Eindruck der Anschläge entstanden, bedienen sie sich der Kategorien von Historikern. Das ist legitim, freilich sind die Erkenntnisse von kurzer Halbwertszeit. Denn mit jedem Tag, der vergeht, verschwimmen scheinbare Gewissheiten über den 11. September in der Widersprüchlichkeit der Ereignisse.
Gewiss ist allein, dass Amerika sich verändert hat. Aber anders und weniger dramatisch, als vielfach angenommen. Deutlichstes Zeichen einer Zäsur ist der Stimmungswandel. Amerikaner zu sein fühlt sich plötzlich anders an. 280 Millionen Menschen wissen zu berichten, was sie taten, dachten oder spürten, als die Jets sich in die Türme bohrten. Dieser Moment erscheint einer ganzen Generation als nächste Annäherung an die Apokalypse. Der Glaube an die eigene Unverwundbarkeit ist dahin.
Also doch ein Epochenbruch? Wenn es so ist, dann markieren ihn zwei Ereignisse. Denn 2001 und 1989 gehören zusammen. Mit Verspätung erlebt Amerika das Ende des Kalten Krieges. War Amerikanern Globalisierung bisher nur als Marktfreiheit und Einkommenszuwachs erschienen, erfahren sie erst jetzt die Schattenseiten der neuen Unübersichtlichkeit. Plötzlich sind die diffusen Konflikte mit nichtstaatlichen Akteuren nur noch einen Linienflug entfernt.
Die Bürger haben reagiert, sie sind zusammengerückt. Die ohnehin tief verwurzelte Kultur der Freiwilligkeit erlebt ein Revival. Man will wieder dienen, in der Gemeinde, beim Peace Corps, in der Armee. Ein Patriotismus, der besonders von Konservativen als Ende der fragmentierten Gesellschaft bejubelt wird (etwa von Ronald Reagans früherem Bildungsminister William J. Bennett in seinem Buch Why we fight).
Dieser neue Sinn fürs Gemeinsame geht einher mit der Rückkehr des Staates. Seit dem Wahlsieg Ronald Reagans 1980 galt dessen Diktum, der Staat könne keine gesellschaftlichen Probleme lösen, vielmehr sei er selbst "Teil des Problems". Der 11. September hat nun der alten Einsicht frische Anschauung geliefert, nach der "es Dinge gibt, die nur der Staat kann", wie Senator John Kerry es formuliert. Die Staatsmacht steht wieder als Protektor da. Ausgerechnet George W. Bush verantwortet den größten Ausbau des Staates seit einem halben Jahrhundert. Jener Mann, der mit der populistischen Antistaatsrhetorik seines Idols Ronald Reagan in Washington einzog. Nun rüstet er auf, erfindet eine Art Verfassungsschutz, verschafft Fahndern neue Rechte, baut Geheimdienste und Grenzpolizei aus.
George W. Bush hat die Rolle des Schutzherrn von Washington so weit gehend angenommen, dass er auch noch die Bauern, die Versicherungs-, Stahl- und Flugzeugindustrie gegen die Fährnisse des Marktes abschirmt sowie Kapitalgesellschaften und Börsenaufsicht rereguliert. Diese Fürsorglichkeit lässt sich aber nicht allein mit dem 11. September erklären, sondern nur mit einem Doppelschlag, bestehend aus Terror plus Wirtschaftsskandal. Al-Qaida und Enron sind gleichmaßen ursächlich für die neue Umarmung des Staates. Nur beide Störungen des Friedens haben zusammen "das Prinzip der Autorität neu etablieren" können, schreibt der Soziologe David Brooks.
- Datum 31.07.2006 - 04:40 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT 05.09.2002 Nr.37
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