E R I N N E R U N G E N Als das Boot gekentert war

Die jungen Autoren Ostdeutschlands erzählen kühl vom Leben in der Zone

Denn das Schildkrötentempo ließ die Phänomene hervortreten. Die DDR war geradezu prädestiniert, als Erinnerungs- und Erzählgemeinschaft wiedergeboren zu werden, sei's in Form einer Folklore, die sich auf verloren gehende Gewohnheiten und VEB-Produkte richtete, oder in literarischer Gestalt, in den Erzählungen ihrer Intellektuellen, auf die dieser Staat angewiesen war wie kein anderer. Biografien werden seither gerettet, unter mächtiger Aufbietung der Entschuldungsrhetorik: Geschichten über die Schizophrenien der Verstrickung bis hin zum verdrückten Kollaborationsgeschwurbel. Man könnte von einer "hegelianischen" Phase der literarischen DDR-Renaissance sprechen: der Einzelne und das Allgemeine, die Geschichte und das Individuum, alles existenzialistisch abgedunkelt und in einen tragischen Rahmen gespannt. Am Ende ist alles Fragwürdige verstanden und verziehen.

Zwölf Jahre nach der Einheit ist diese Phase vorüber. Inzwischen erinnern sich Autoren an die DDR, deren Erfahrung noch die angehaltene Zeit des Spätsozialismus genauso wie die Beschleunigung seit 1989 ist. Sie erzählen von Gestalten, die um 1970 geboren wurden, von einer transitorischen Generation, die mit der Nase hart auf die Wendewirklichkeit stieß und heute ohne eigentliches Kindheits- idyll auskommen muss. Denn die DDR erwies sich als Welt minderen Realitätsgrades, eine Scheinwirklichkeit, solange es sie gab, quälend-zäher Rest, nachdem sie zerfallen war. Für diese Erinnerungen taugt kein bürgerlicher Realismus und keine deutsche Geschichtsphilosophie. Vor der Wende waren diese Autoren Beobachter mit kindlich geweiteten Augen, danach fiel ihnen die Blickschärfe von Fremden oder Gästen zu.

Alle suchen sie nach einem literarischen Beobachterstandpunkt, der Anwesenheit und Beteiligung nachträglich nicht leugnet, der aber doch Distanz zu einem lebensgeschichtlich verordneten Stoff sichert. Julia Schochs Erzählerin beispielsweise ist Steuerfrau auf einem Damenruderboot. Sie lebt in einem Sportinternat. Sie ist keine Athletin, sie gehört nicht zur physischen Elite. Sie sieht nur angeekelt, wie das sozialistische Leistungsland tumbe junge Golems züchtet. Sie hasst oder revoltiert nicht, aber am Ende kentert ihr Boot doch, und all die übel gelaunten Muskelmädchen gehen unter.

André Kubiczeks Held kommt aus einer Stadt am Harzrand. Ende der Achtziger geht er nach Berlin, ohne Ambition und ohne auf der Flucht zu sein, ein Fänger im Roggen der morosen DDR-Hauptstadt. Er trifft Mädchen, die wieder verschwinden, lernt Punker kennen, die Bohemiens vom Prenzelberg und die Normalos mit ihrem unglückseligen Streben nach Glück. Während sich die Kirchen mit Oppositionellen füllen und das Politbüro der SED Gorbatschow einen guten Mann sein lässt, kostet dieser Held vom Leben, aber es bleibt für ihn hinter Milchglas verborgen. Er ist da und bleibt doch seltsam schattenhaft. Das ist eine geschützte Position, aus der heraus das Erzählen möglich ist.

Auch Michael G. Fritz entwirft eine blasse Erzählerfigur. Sie gerät in die Fänge einer Frau namens Rosa, Tochter eines Parteibonzen und dabei von einem seltsamen Mitteilungsdrang beseelt. Der Erzähler wird Hausmeister in einem wohlhabenden Haushalt irgendwo am Rande einer ostdeutschen Großstadt. Der Vater macht seit der Wende in Immobilien, die Tochter spekuliert an der Börse. Und das Haus hat es in sich, das vieltürige, labyrinthische Haus, das ein Geheimnis zu bergen scheint, mit dem moosigen Garten, in dem die Zeit zum Stillstand zu kommen scheint, und dem Riesenaquarium, in dem die Fische die Aktienkurse voraussagen.

Verwunschenes Biotop mit Nixe

Hier bildete sich ein verwunschenes Zonen-Biotop. Die Liebe währt so lange, wie Rosas Mitteilungen dauern. Am Ende flieht der Erzähler das Spukschloss, fürchtend, er werde von einer privaten Stasi eingeholt, nachdem er nun Mitwisser ist. Doch die Spannung sinkt in sich zusammen: Was war eigentlich so düster an diesem Nostalgikerclub? Fritz spielt mit Elementen der Schauerromantik, entwirft E.T.A.-Hoffmannsche Szenarien, seine Rosa ist Naturkind und Wassernixe, die Loreley des Wendegewinnlertums. Was bleibt, ist eine private Geschichte: "Ich beruhigte mich weiter, indem ich mich fragte, ob es denn nicht sein könne, daß ich nur eine Frau verließ, eine Frau aus Gründen verließ, die ausschließlich bei uns beiden zu suchen waren, eine Frau namens Rosa."

Anders Jana Simon, die Enkelin von Christa Wolf. Sie hat eine Reportage verfasst, keine klassische, sondern eine literarisierte, subjektiv gebrochen durch eine Ich-Figur, die ihren Helden Felix lange kannte, diesen Jungen aus Berlin-Schöneweide, mit dem es ein schlimmes Ende nahm. Simons Buch ist misslungen, sprachlich eine Zumutung. Es verkleistert mehr, als es sichtbar macht. Simon fehlt die objektivierende Kälte, schlicht das Reporterhandwerk. Felix hatte nach der Wende eine kurze Karriere als Türsteher und Kickboxer gemacht. Das Kind einer Afrikanerin gehörte zu einer Hooligan-Gruppe, die aufflog, als sie mit Rauschgift zu handeln begann. Felix wurde wegen eines Drogendeliktes verhaftet, auf freien Fuß gesetzt, wieder inhaftiert. Kurz danach erhängte er sich in der Haftanstalt Moabit.

Simon möchte eigentlich nichts erklären, nichts über die Mutter, die ihren Sohn prügelte, nichts über die Wende-Kriminalität in Berlin, die auch das Handeln der Staatsanwaltschaft begreiflich machen würde. Simon will vor allem eine rebellische, der Lebenswelt beraubte Generation schildern. Aber diese Kleinkriminellen lassen sich nicht zu James-Dean-Typen aus der Schöneweider Bronx aufschmücken. Ideologie quillt durch: Felix als guter Wilder, den der Westen denaturierte. Irgendwann kann Jana Simon nicht mehr an sich halten, dann hüpft die weltanschauliche Katze aus dem Sack: "Das ist etwas, das Angst machen kann, die Angst, austauschbar zu sein und verlassen zu werden. Jeder lebt für sich, nichts mehr ist da, was verbindet. Es ist die Welt der Globalisierung, in der alles mit allem zusammenzuhängen scheint - nur weiß keiner mehr, wie - und in der niemand mehr für etwas verantwortlich ist."

Angelernte Kulturkritik aus dem Westen zusammen mit ostalgischem Kitsch machen aus dem schweren Jungen einen Attac-Aktivisten avant la lettre, einen Helden des Widerstands. Vermutlich geht aus Felix' bedrückender Geschichte überhaupt nichts Symptomatisches hervor. Sie soll nur eine angebliche "Andersheit" der Ostdeutschen belegen. Hier lebt die DDR als neue Gesinnungsgemeinschaft fort: "Es ging um seine Identität." Allein: "Es ist vorbei. Ostberlin gibt es nicht mehr."

Doch. Es ist bloß eine Frage der Wahrhaftigkeit im Erzählen. André Kubiczek hat einen wundervollen kleinen Antibildungsroman geschrieben, mit Röntgenblick für all das Faule in den Nischen dieser Gesellschaft. Er schildert glaubhaft die Atmosphäre dieser Zeit, die Allgegenwart der Langeweile oder den Schwof der Werktätigen. Häme fehlt ganz, auf die kann ein Erzähler auch verzichten, der keine ideologische Botschaft hat. Der Roman ist eine éducation sentimentale vor der Kulisse historischer Umwälzungen, aber dieser Held greift nicht ein, er lässt sich nicht einmal merklich davon bewegen. Weise kleine Mädchen sagen in diesem Buch plötzlich Dinge wie: "Wenn die allgemeine Vergeblichkeit groß ist, hält sich die persönliche Verzweiflung in Grenzen." Aus dieser Abständigkeit ohne Pathos kann in der Tat keine DDR-Verklärung hervorgehen.

Diesen jungen Autoren gelingt es, die vergangene Gegenwart ihrer DDR zu beschreiben, wie sie wirklich gewesen sein würde, wenn es damals Aufrichtigkeit gegeben hätte. Auch bei Antje Rávic Strubel kommt die verschattete Mordgeschichte erst in Gang, nachdem sich beide Erzählerinnen über Fantasie und Wahrheit ihrer Erinnerungen nach dem Untergang der DDR ausgetauscht haben. Bei allen Unterschieden, die Jungen stimmen in einer gewissen Flaubertschen impassibilité überein. Im Schreiben ähnelt sie der Haltung, in der sie ihre Jugend ertrugen. Es war ein Unbeteiligtsein zum Zwecke des geistigen Überlebens. Diese Autoren haben manchmal Sehnsucht nach einem Land, das ihnen gleichgültig war; doch war es eine Zeit lang ihre Welt, nicht die Hölle, allenfalls das Purgatorium der Langeweile. Niemand bricht nachträglich in Befreiungsjubel aus. Keine Wendeliteratur - im Erzählen gehört auch das Ende des Sozialismus lediglich zu jenem Syndrom inszenierter Großgeschichte, die weit weg auf Demos oder Aufmärschen stattfand.

Michael G. Fritz:Rosa oder Die Liebe zu den Fischen

Roman; Reclam, Leipzig 2002; 187 S., 18,90 EUR

Jana Simon:Denn wir sind anders

Die Geschichte des Felix S.; Rowohlt Berlin Verlag, Berlin 2002; 247 S., 14,90 EUR

André Kubiczek:Junge Talente

Roman; Rowohlt, Berlin 2002; 223 S., 16,90 EUR

Antje Rávic Strubel:Fremd Gehen

marebuch, Hamburg 2002; 191 S., 18,- EUR

Julia Schoch:Der Körper des Salamanders

Erzählungen; Piper, München 2001; 172 S.,

15,90 EUR

 
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