R O M A N Unter der Weide, auf der alten Steinbank
Zoë Jenny hat wieder ein Buch geschrieben, doch o weh!
Es ist Nacht, aber Ayse kann nicht schlafen. Schlecht hat sie geträumt, ganz schlecht, und dann ist sie aufgewacht, verschwitzt und mit trockenem Mund. Und nun sitzt sie da und schreibt in ihr Tagebuch, damit wir erfahren, was ihr so durch den Kopf geht. Und weil sie sechzehn Jahre alt ist, schreibt sie so, wie wohl Sechzehnjährige in Tagebücher schreiben, ich verlasse mich da vollkommen auf Frau Jenny. Dass dabei auch etliche Nichttagebuchseiten wie Tagebuch klingen, zeigt vielleicht nur, wie gut sie es noch kann.
Ayse ist Türkin, und sie lebt in einer Stadt, die zum Beispiel Berlin heißen könnte, in einem sehr schönen Haus. Dies Haus wurde gleich nach der Wende an seine ehemaligen Eigentümer zurückgegeben, was natürlich gut war, aber auch schlecht, und die haben es dann gleich an einen türkischen Immobilienhändler verkauft, und das ist eben Ayses Vater. Ayses Mutter interessiert sich nur für Kosmetik und die Angestellten ihres Mannes, Ayses Bruder aber, Zafir - so sind türkische Brüder ja nun mal - interessiert sich auch sehr für das bisschen sozusagen Privatleben seiner kleinen Schwester.
Aber nicht nur: Nachts schleicht er sich aus dem schönen Haus, und wenn er dann im Morgengrauen zurückkehrt, hat er gelegentlich blutende Wunden und zerrissene Kleider. Es ist nämlich so: Die beiden Geschwister gehen auf ein ordentliches deutsches Gymnasium. Weil es aber ja gar kein ordentliches deutsches Gymnasium mehr gibt, trifft man dort auf üble Gestalten, die die Reichsfahne über dem Bett haben und Uniformen und Waffen und so viel Aggressivität gegenüber den Türken, dass diese leider auch ganz aggressiv werden müssen.
Damit aber - ich spüre Ihre Ungeduld -, damit also das Ganze endlich in Gang kommt (und das hat man dann allerdings gleich bei seinem ersten Auftreten geahnt, um nicht zu sagen befürchtet), gehört zu der rechten Truppe auch einer mit dem christlichen Namen Christian, in den Ayse sich prompt verliebt. Eigentlich will er sich ja längst von seinen falschen Freunden lösen, aber irgendwie, verstehen Sie, irgendwie schafft er es nicht und so weiter und so fort.
Dieses "Und so weiter und so fort" wird uns auf dem Buchumschlag als Romeo und Julia 2002 nahe gelegt, und dagegen müssen wir nun doch die Fassung von 1591 heftig in Schutz nehmen. Nein - und so grob muss man es leider sagen -, hier erinnert überhaupt nichts an William Shakespeare, sehr viel aber an eine Autorin namens Marlitt.
Wir haben es hier nämlich mit einer mit bescheidenen literarischen Mitteln erzählten, wie autistisch um sich selbst kreisenden Geschichte zu tun, die nichts anderes antreibt als die trivialen Muster, die ihr zugrunde liegen und die sie zugrunde richten. Das Thema Türken und Rechtsradikale wird nicht im Mindesten ernst genommen, sondern bleibt reines Dekor; es geht nur darum, die Szenerie zu gewinnen für eine postpubertäre sentimentale kleine Liebesgeschichte. Leider.
Und noch ein paar Indizien haben wir ja, die uns sagen, ob ein Text missraten ist oder wenigstens die Chance bewahrt zu gelingen. Dazu gehört bekanntlich das Verhalten von Wetter und Natur, Stichwort: "Der Held und sein Wetter". Sie haben in diesem Roman, außer dass sie am Ende vor der Aufgabe stehen, gemeinsam das junge Paar zu beseitigen, keine andere Aufgabe als das simple Illustrieren der Herzens- und Schmerzensdinge, von denen die Rede ist. Wenn es heißt "Eine Amsel sang ihr Revierlied", ist alles gut, aber wehe "Ein Schwarm Krähen zog schwarze Kreise am Himmel, bis sie plötzlich in alle Richtungen auseinanderflogen wie zerstobene Asche im Wind." Und wenn der Wildhüter warnt "Das Wetter kann sich hier schlagartig ändern", können wir sicher sein, dass das Glück nicht lange Bestand haben wird.
Ein anderes Indiz ist der Zufall. Ganz ohne ihn kommt die Literatur ja selten aus, aber was zu viel ist, ist zu viel. Zum Beispiel, dass das Haus, das Ayses Vater gekauft hat, ausgerechnet das ist, in dem Christian aufgewachsen ist, sein altes Zimmer also jetzt das von Ayse. Oder dass am Ende "das größte Unwetter seit Jahrzehnten" ausgerechnet die Hütte begräbt, in der unser Paar liegt. Die Zufälle werden auch nicht dadurch glaubwürdiger, dass so vieles vorausgeahnt und vorherbestimmt wird. Es ist vielmehr das Zeichen eines mutwilligen Erzählens, dass die Dinge dreht und wendet, wie's gebraucht wird.
Es gibt da eine Szene, wo Ayse beim Fernsehen auf die Farbtaste drückt und alles Grau in Grau wird. Da sieht dann endgültig alles so aus, wie es sein muss, wenn ein "schnelles Leben" zu Recht ein kurzes sein soll. Und doch nur ein blasses war.
Bleibt die Sprache, das Indiz aller Indizien, o weh! Was für langweilige Adverbien, was für Allerweltsadjektive. Wenn endlich das passiert, was hier immer "es" genannt wird, wie schmeckt dann seine Haut? Richtig, dann schmeckt seine Haut "salzig". Es ist so, dass jeder dritte Satz einen in Verzweiflung und Spottlust zugleich stürzt, und dann machen einen selbst Sätze wie der folgende ganz fertig: ",Liebst du ihn?', fragte sie ängstlich und zupfte am Saum ihres Nachthemdes." Oder: "Die Zunge lag Ayse wie ein Gewicht im Mund, das ihr den Kopf nach unten zog." Oder dieser: "Schließlich setzte sie sich unter der Silberweide auf die alte Steinbank."
Setzen wir uns dazu und denken wir gemeinsam darüber nach, wie eine begabte junge Schriftstellerin derart das Gefühl für Erfahrung aufgeben konnte zugunsten eines entindividualisierten Musical-Librettos. Und fragen wir das doch auch jenes Dutzend treuer Schreibhelfer, dem die Autorin am Ende ihres Buches dankt.
Wenn wir dann Pech haben, bringen uns die dreizehn noch dazu, dass es uns am Ende so geht wie Christian, und dem ging es so: "Christian betete jetzt, das Gesicht zum Himmel gewandt, betete, ohne die Lippen zu bewegen, in jeden einzelnen Stern hinein, während er sich vor Verzweiflung in die Hand biß, dass es blutete."
Zoë Jenny:Ein schnelles Leben
Aufbau Verlag, Berlin 2002; 164 S., 17,50 EUR
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