B I L D U N G Der Pisa-Botschafter
Nach den Schülern will Andreas Schleicher nun die Lehrer testen. Damit sorgt er in Deutschland für Aufregung
Gerade kommt er aus Dänemark zurück. Vor ein paar Wochen war er in China. Übermorgen geht es in die USA. 400 000 Flugmeilen sammelte Andreas Schleicher im vergangenen Jahr - das alles in Sachen Pisa. Vor sieben Jahren konzipierte er als 31-jähriger Neuling bei der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) das Programme for International Student Assessment (Pisa), jenen Bildungstest, der inzwischen in vielen Ländern wie ein Adrenalinstoß wirkt. Nun sorgt er mit seinen Plänen für eine Lehrerstudie für Aufregung.
Bildungskongresse, Podiumsdiskussionen, TV-Interviews: Andreas Schleicher ist gefragt. Den Blick international geweitet, die Sprache ohne Bildungsjargon, keiner Lobby oder Partei verpflichtet - so verbreitet er die Pisa-Botschaften. 32 Länder haben sich bei dem Schulleistungsvergleich 2000 in die Karten gucken lassen, und Schleicher könnte fast jeden Tag woanders auftreten, würde er alle Einladungen annehmen.
Doch die nächsten Pisa-Runden warten. Die zweite Staffel mit dem Schwerpunkt Mathematik ist fertig. Nun ist er mit seinen Gedanken bei Test Nummer drei und vier, die 2006 und 2009 folgen. Und dann noch die Lehreruntersuchung. Als er vergangene Woche in Kopenhagen mit Bildungsforschern aus Australien, den USA und den Niederlanden Pisa ff. vorbereitete, brummte das Handy. Anrufe aus Deutschland. Was los sei mit "Pisa für Pädagogen", wollte die Presse wissen.
Schon wieder die Deutschen! "Dieses Entweder-oder-Land", schmunzelt Schleicher über seine Heimat. Erst lehnte die Kultusministerkonferenz die Teilnahme an den ersten Schritten zu einer OECD-Lehrerstudie ab. "Auch das noch", hieß der Tenor, als die Amtschefs im vergangenen Herbst das Thema berieten. Beherzte Kultusbeamte schafften es gerade einmal - eher heimlich und am KMK-Beschluss vorbei -, die Beantwortung von Fragebögen an die OECD durchzusetzen. Dann hieß es: "Fürchtet Deutschland den Pita-Schock?" (ZEIT Nr. 36/02), und nun steht die pädagogische Provinz Kopf. Plötzlich ist kein Kultusminister in Deutschland mehr gegen eine Lehrerstudie. Wahrheitswidrig behauptet die KMK in einer Pressemeldung, immer schon dafür gewesen zu sein. Und Dagmar Schipanski, die Präsidentin der Kultusminister, lässt sich dazu hinreißen, auf die Folgekosten der Flutkatastrophe hinzuweisen, als man sie fragt, warum Deutschland sich bislang weigert, 35 000 Euro für eine OECD-Expertenreise zu bezahlen.
Ein Kommentar dazu, Herr Schleicher? Lieber nicht. Der Pisa-Koordinator setzt sein Pokerface auf und schweigt. Er hat gelernt, wenn es nötig ist, Diplomat und Taktierer zu sein. Nun reicht ihm der Wirbel, den die bloße Ankündigung der Lehreruntersuchung ausgelöst hat. Nur so viel: Die deutsche Aufregung habe ihm klar gemacht, wie nötig eine empirische Lehrerstudie ist - und wie schwierig. "Sie muss ganz gründlich vorbereitet werden." Ein Wissenstest für Lehrer soll es nicht sein. Das wäre zu simpel und wenig aussagekräftig. Wichtiger, aber schwieriger ist anderes zu prüfen: den Unterrichtsstil, das Lernklima, das Zusammenspiel von Lehrern und Schülern. "Videostudien über den Unterricht können ein Anfang sein."
Die deutsche Bürokratie mauert
Vor Jahren war selbst Andreas Schleicher skeptisch, ob man "Lernkultur" testen kann. Heute weiß er: "Es ist möglich - auch wenn wir noch in den Anfängen sind, mentale Grundmuster der Schüler und die Stimmung in den Schulen zu ergründen." In diese Richtung wird das Pisa-Instrumentarium weiter geschärft. "300 Experten, die besten, die wir weltweit haben", machen mit. Auch ein paar deutsche sind dabei, allen voran das Max-Planck-Institut für Bildungsforschung.
Er nennt Pisa "ein dezentrales Netzwerk mit größtmöglicher Selbstständigkeit und enger, gleichberechtigter Kooperation". Darin ist die Studie seiner Vision von einer guten Schule durchaus verwandt. Das Wort Vision fällt häufig - aber auch die Klage, dass es in Deutschland, wo die Pisa-Aufregung am heftigsten war, "am wenigsten Visionen von einer neuen Schule gibt".
Dann erzählt er von Mexiko, das noch schlechter als Deutschland abschnitt: "Dort habe ich über mehrere Tage mit Kongressabgeordneten höchst interessante Diskussionen geführt." Oder Japan: Vor Jahren hatte er um die Teilnahme dieses Landes kämpfen müssen. Die Bildungsbürokratie mauerte wie in Deutschland, erinnert er sich. Von dem, was sich inzwischen in Japan getan hat, ist Schleicher überrascht und begeistert. In den Schulen wurde die Pflichtstundenzahl reduziert, um mehr Freiräume zum selbstständigen Lernen zu schaffen. Das neue Bildungsprogramm in Japan übersetzt er mit "Würze fürs Leben". Da leuchten die Augen des schmalen, hoch aufgeschossenen Mathematikers, der das Vorurteil des trockenen Statistikexperten leicht widerlegt.
"Geld in Bildung verwandeln"
Und Deutschland? In Berlin habe er die langweiligste aller Sitzungen erlebt. Zur Anhörung im Bundestagsausschuss hatte sich jede Fraktion den Experten eingeladen, "der die Antworten gibt, die sie hören wollen", erinnert er sich. "Sind Fragen, deren Antworten man kennt, überhaupt Fragen?" Klare Fragen zu stellen und auf harte, "belastbare Antworten" zu drängen, das ist Schleichers Passion - schon seit der Schulzeit.
Sein Vater war in Hamburg Professor für vergleichende Erziehungswissenschaft. Doch von empirischer Forschung und Leistungstests wollte er nichts wissen. Zahlen waren ihm moralisch suspekt. "Wahrheit lässt sich nicht messen", hieß ein Spruch des Vaters. Doch die ganz großen Wahrheiten waren dem Sohn zu wolkig.
Auch im Gymnasium herrschte Berührungsangst gegenüber den Naturwissenschaften. Der Schüler Schleicher sehnte sich nach scharf geschliffenen Instrumenten. "Nur deshalb wollte ich Physik studieren", erinnert er sich. Bevor er ein Abitur mit 1,0 machte und für eine Arbeit über computerisierte Spracherkennung einen "Jugend forscht"-Preis erhielt, war er viele langweilige Schuljahre lang ein schlechter Schüler. Die Grundschule wollte ihn nicht einmal zum Gymnasium empfehlen. Wäre er kein Professorenkind - das kann er nun mit den Pisa-Ergebnissen beweisen -, hätte er in Deutschland im internationalen Vergleich die geringste Chance gehabt, studieren zu können.
Am Ende holte den Physikstudent doch wieder die Pädagogik ein. Nebenher hörte er an der Hamburger Universität Vorlesungen in den Geisteswissenschaften und traf den englischen Erziehungswissenschaftler T. Neville Postlethwaite. "Der begeisterte mich." 1988 ließ der Professor ihn an der ersten internationalen Lese-Rechtschreib-Studie mitarbeiten. Schließlich vermittelte er ihm ein Zweitstudium in Mathematik in Australien, um exzellente Statistik zu lernen. "Man braucht Visionen, um Fragen zu stellen, und harte Empirie, um Antworten zu geben." Postlethwaite sei ein Glücksfall für ihn gewesen, sagt Schleicher - und ergänzt: "Ich habe eigentlich immer Glück gehabt."
Der Mathematiker und Physiker verschrieb sich der Bildungsforschung, arbeitete an der Tims-Studie mit, die in Mathematik und Naturwissenschaften Schülerkenntnisse unter die Lupe nahm. Dann holte ihn die OECD als stellvertretenden Abteilungsleiter für Bildungsstatistik nach Paris. Schon kurz nach seiner Einstellung ermunterte der OECD-Direktor den Neuen, doch einmal etwas gegen "das Geschwafel bei der Bildung" zu unternehmen. Heraus kam Pisa.
Schleicher glaubt den Zahlen, auch wenn sie seine eigenen Urteile revidieren. Dass die Schulen am erfolgreichsten sind, in denen alle Schüler - wie in Japan, Finnland oder Schweden - bis zur 9. Klasse gemeinsam lernen, hat er zu Beginn des Pisa-Projektes nicht gedacht. "Da glaubte ich noch, das deutsche System sei das beste."
Das nächste Datenwerk wird Andreas Schleicher am 29. Oktober vorstellen, Education at a Glance, den jährlichen Bildungsbericht der OECD. So viel verrät er schon: "Wir können beweisen, dass Bildungsinvestitionen volkswirtschaftlich eine höhere Rendite bringen als Investitionen in Sach- und Produktionsmittel." Sein Credo findet in der OECD offene Ohren. Es heißt: "Man muss Geld in Bildung verwandeln." Wenn sein Vater das gesagt hätte, wäre er wohl skeptisch gewesen. Nun kann er diesen Satz beweisen - mit allen Mitteln seiner Kunst.
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