Nun sollte man meinen, die Schwäche der rotgrünen Regierung mache es der Opposition leicht, mit konzeptionellen Vorstellungen zu glänzen. Irrtum! Zwar präsentierte die CDU/CSU-Fraktion des Bundestages vor gut einem Jahr eine "Zehn-Jahres-Mobilitätsoffensive für Straße, Schiene, Wasser und Luft". Doch das Papier, das seine Zuflucht in Transrapid und achtstreifigen Autobahnen sucht, gleicht eher einem vorgezogenen Wahlprogramm als einem Langfristkonzept. Heute redet niemand mehr davon.

Erstaunlich auch dies: Aus dem halben Dutzend christdemokratischer Abgeordneter, die sich im Bundestag zum Verkehr äußern, ragt keiner durch Weitblick oder gar Originalität heraus. Immerhin wählt der verkehrspolitische Sprecher der Fraktion und unverbesserliche Transrapid-Fan Dirk Fischer eindeutige Worte, um die strikte juristische und organisatorische Trennung von Schiene und Betrieb bei der Bahn zu fordern. Aber dann schreibt Kanzlerkandidat Stoiber an Bahnchef Hartmut Mehdorn, er halte das keineswegs für unerlässlich - und schon sieht Fischer alt aus. Sein FDP-Kollege Horst Friedrich profiliert sich vor allem durch permanente Attacken gegen Mehdorn und das Bahnmonopol. Das hat ihm den Ruf eines Eiferers eingetragen.

Dass sich die Verkehrsexperten im Bundestag hitzige Gefechte liefern, kann niemand behaupten. Das hat einen einfachen Grund: Für die Abgeordneten, gleich, welcher Couleur, ist Verkehrspolitik zuallererst Befriedigung von Wahlkreisinteressen. Eine Ortsumgehung bringt mehr Stimmen als der intelligenteste Beitrag zur mittel- oder langfristigen Mobilität der Bundesbürger. Also legen sich die Volksvertreter gern für neue Straßen ins Zeug, und wenn ihre Intervention erfolgreich war, wird sie gebührend bejubelt.

Wie von Justizministerin Herta Däubler-Gmelin die Entlastung ihrer schwäbischen Heimatgemeinde vom Durchgangsverkehr: "Als Bürgerin von Dußlingen habe ich jahrelang Angst um meine Kinder gehabt, wenn sie über die B 27 vom einen in den andern Ortsteil gegangen sind." Jetzt hat der Bund zwölf Millionen Euro für einen 2,4 Kilometer langen Bauabschnitt spendiert, und natürlich soll jeder Dußlinger glauben, das habe er ausschließlich "seiner" Ministerin zu verdanken.

Ähnlich aktiv werden die Volksvertreter, sobald die Bahn eine Nebenstrecke stilllegen will. Lässt gar Bahnchef Mehdorn einen seiner starken Sprüche los ("Die Bahn kann nicht an jeder Milchkanne halten"), dann rennen die Abgeordneten zum Minister und verlangen von ihm einzugreifen. Das steht ihm zwar gar nicht zu, weil die Zeiten der Behörde Bundesbahn passé sind. Aber die Volksvertreter sehen das anders. Auch da spielt Parteizugehörigkeit keine Rolle, denn - so ein kundiger Beobachter - "Jeder hat ein Schienenproblem in seinem Wahlkreis".

Kein Wunder also, dass Abgeordnete mehr an lokalen Lösungen interessiert sind als an globalen Konzepten. Und ihre Wähler haben widersprüchliche Interessen, sie sind Autofahrer und Bahnkunden, aber auch Spediteure, Tankstellenbetreiber oder Straßenbauer - und jede Klientel will bedient sein.

Also wird zur Ferienzeit über verstopfte Autobahnen gewettert und lautstark nach ihrem Ausbau gerufen. In ruhigeren Zeiten ist die Verlagerung des Güterverkehrs von der Schiene auf die Straße das große Ziel. Doch dann erregt sich der Mittelstand über die Lkw-Maut, und dieselben Abgeordneten, die vorher die Bahn priesen, schimpfen über eine systematische Benachteiligung der Lastwagen. Auch die Bundesregierung weiß nicht, was sie will. Sie beteuert, die Bahn brauche mehr Wettbewerb