R O M A N Die Gegenwart der Vergangenheit der Gegenwart
Jorge Semprún hat mit seinem kleinen Roman "Der Tote mit meinem Namen" ein großes Buch geschrieben
Den passenden Toten hatten sie schon gefunden. Die größte Schwierigkeit war überwunden. Der 20-jährige Pariser Student war zwar noch nicht tot, aber er würde die nächste Nacht nicht überleben. Durch das Wochenende war etwas Zeit gewonnen. Die Anfrage aus Berlin würde erst am Montagmorgen den zuständigen SS-Offizier erreichen.
Jorge Semprún legt hier die Fortschreibung seines großen Romans über das 20. Jahrhundert vor. Ort der Handlung scheint Buchenwald, das Konzentrationslager oberhalb von Weimar. Auch der Zeitraum ist eingegrenzt: 1944 und 1945, bis zur Befreiung am 11. April. Aber der erste Eindruck täuscht. In diesen Büchern werden Ort und Zeit durchlässig. Wie bei Faulkner, einem seiner Lehrmeister, wie bei Claude Simon werden unauffällig die Grenzen des konventionellen, chronologischen Erzählens verwischt. Semprún tritt gleichsam auf der Stelle, um die Tiefe seines Standorts auszuloten, und kommt doch voran. Der Tote mit meinem Namen setzt mit dem Höhepunkt der Handlung ein und erreicht erst am Ende seinen Anfang.
Der Tote wird gebraucht, um Semprún das Leben zu retten. Denn Anfragen aus Berlin bedeuten in aller Regel nichts Gutes. Meist werden die Betroffenen zum Appellplatz gerufen und sofort exekutiert. Jorge Semprún kann sich das plötzliche Interesse der Nazis nicht erklären und sieht darum keine Gefahr. "Die Partei", das sind die Kommunisten, die das KZ Buchenwald, darum ein Sonderfall unter allen deutschen Konzentrationslagern, mit einer im Untergrund wirkenden zweiten Verwaltungsstruktur, unterhalb der SS-Bürokratie, durchsetzt haben, einerseits damit den laufenden Betrieb garantieren, ihn andererseits auch bis zu einem gewissen Maß steuern können, diese KP will also "nicht riskieren, dich zu verlieren" - so wird ihm entgegengehalten. Die Vorstellung, unter falschem Namen weiterzuleben, vor allem Buchenwald verlassen zu müssen, wo ihn bereits zu viele unter seinem richtigen Namen kannten, "stinkt" ihm gewaltig. Der Name wird nicht "deiner sein", dafür werde das Leben "das deinige sein. Ein wahres Leben trotz dem falschen Namen!"
Diese einzige Episode erzählt Jorge Semprún in seinem neuen Buch. Doch wie in den vier vorausgegangenen Buchenwald-Büchern berichtet Semprún keineswegs nur über seine entsetzlichen Erlebnisse, er (re)konstruiert vielmehr seine Erfahrungen, notwendigerweise aus gegenwärtiger Sicht.
Jorge Semprún stammt aus großbürgerlich-aristokratischen Verhältnissen. Sein Großvater war lange Jahre spanischer Ministerpräsident. Sein Onkel wurde 1931 aus dem Gefängnis entlassen und noch am selben Tag zum Minister der republikanischen Regierung ernannt. Sein Vater, Diplomat, musste nach dem Sieg Francos ins Exil gehen. Mit 19 Jahren trat Semprún in die Kommunistische Partei ein und kämpfte im französischen Widerstand gegen die deutsche Besatzung. Mit 20 kam er nach Buchenwald, sprach fließend Deutsch, das er von seinen deutschen Gouvernanten gelernt hatte, war literarisch gebildet und wäre, Goethes wegen, beinahe einmal erschossen worden, weil er die kulturgeschichtlichen Zusammenhänge des Ettersberges, auf dem das Lager errichtet worden war, natürlich besser kannte als der SSMann, der ihn fragte, was er dort an der "Goethe-Buche" zu suchen habe. So durchdringen sich selbst die Schreckensmomente noch mit literarischen Erfahrungen.
Hoffnung im Alltag des Grauens
Aber nicht nur Semprúns Horizont ist literarisch, vor allem sind es seine Verfahrensweisen. Er springt vor und zurück, lässt seinen Assoziationen freien Lauf, kommt von der Lagerbibliothek in Buchenwald, in der er Faulkners Absalom, Absalom gefunden hatte, in die Münchner Wohnung von Hans Magnus Enzensberger, wo er ein Exemplar genau dieser Ausgabe im Bücherregal wiederentdeckt, kommt scheinbar vom Hundertsten ins Tausendste und arbeitet doch mit äußerster Präzision. Die thematischen Bezüge sind wie die leitenden Motive miteinander verflochten, das ganze Buch dreht sich in konzentrischen Kreisen um seinen Mittelpunkt: um die historische Wahrheit. Dabei bleibt alles in Bewegung.
Am Eingang zum Revier, wo ihn Kaminsky, sein Chef, erwartet, trifft Semprún einen Kumpel aus dem französischen Widerstand. Einen "Muselmanen", das heißt, einen Menschen, dessen Lebenskraft bereits erloschen ist, der sich also aufgegeben hat. Semprún erkennt ihn, erinnert sich sogar an seinen Namen und bereitet damit diesem Automechaniker, der nur noch den Tod vor sich hat, eine kleine, doch eine riesengroße und vielleicht die letzte Freude. Kaminsky ranzt ihn an, was diese Energievergeudung solle. Dem sei doch nicht mehr zu helfen.
Diese Episode weist voraus auf die nächste Begegnung mit einem anderen Muselmanen, seinem "Toten", nur einen Augenblick später. Und sie verweist zurück auf ein Erlebnis im Steinbruch, das er nur durch "Glück", genauer gesagt, durch das selbstlose Handeln eines jungen Russen, also durch Barmherzigkeit, überlebt hatte. Der Russe, den er nicht kannte, mit dem er sich nicht einmal verständigen konnte, hatte ihm die schwere, für ihn nicht tragbare Last von der Schulter genommen und mit seiner deutlich leichteren vertauscht. Solche Einschläge der Transzendenz in den Alltag des Grauens werden von Semprún als Zeichen der Hoffnung gelesen und zugleich auf die Erfahrung seines Jahrhunderts zurückbezogen. Im Augenblick der Beschreibung spürt er die Trauer, dass solche Menschen, wenn sie Buchenwald überlebt haben, in den sowjetischen Lagern Sibiriens, dem Gulag, umgekommen sind. Und es geht weiter: Das kommunistische Prinzip der Solidarität, dem sein eigener Rettungsversuch zu verdanken ist, wird hier auch von seiner unmenschlichen Seite gezeigt, es wird jene Form von Rationalität sichtbar, die Buchenwald, die Auschwitz allererst ermöglich hat: kalkuliertes, zweckorientiertes Handeln, das auch Menschen nach ihrem entsprechenden Wert einschätzt.
Nachdem Kaminsky ihn losgerissen hat, packt sich Semprún schließlich auf die Pritsche, auf der sein "Toter" liegt. Mit Entsetzen erkennt er den jungen Franzosen, übrigens den Sohn eines Nazikollaborateurs, mit dem er sich Sonntag für Sonntag getroffen hatte. Der Sterbende, der nur noch schwach atmet, erkennt ihn wohl auch. Als Semprún am nächsten Morgen erwacht, ist der Tote bereits weggeschafft und alle Gefahr vorüber - soweit sie ihm von der SS drohte. Der spanische Botschafter in Paris hat beim Auswärtigen Amt in Berlin nach dem Verbleib Semprúns gefragt. Damit droht ihm neue Gefahr. Es ist mehr als ungewöhnlich, dass sich ein faschistischer Botschafter um das Wohlergehen eines kommunistischen Gefangenen kümmert. Die führenden Genossen sind misstrauisch geworden. Auch die KP macht mit Verrätern kurzen Prozess. Es kommt zu einem strengen Verhör. So werden, spiegelverkehrt und, wohlgemerkt, ohne dass sie gleichgesetzt würden, die beiden Totalitarismen des 20. Jahrhunderts, der Faschismus und der Kommunismus, schon im Aufbau des Romans aufeinander bezogen.
Semprún hatte sich, gleich nach der Befreiung, fest vorgenommen, nie ein "Veteran" zu werden. Er blickte nach vorn. Er wollte vergessen, "um weiterleben zu können", wie er in seiner Dankesrede für den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels sagte. "Im Herbst 1945, mit 22 Jahren, fing ich an, jene Lebenserfahrung literarisch zu verarbeiten: jene Erinnerung an den Tod. Aber es war mir unmöglich. Man verstehe mich: es war nicht unmöglich zu schreiben - es wäre unmöglich gewesen, das Schreiben zu überleben. Das einzig vorhersehbare Ende jenes Abenteuers, Zeugnis ablegen zu wollen, wäre mein eigener Tod gewesen." Auch deshalb ist Semprún ein anderes Abenteuer eingegangen. Unter dem Namen Federico Sánchez leitete er im Untergrund die kommunistische Partei Spaniens, bis er, seiner antistalinistischen Haltung wegen, ausgeschlossen wurde. Da hatte er schon zu schreiben begonnen (Die große Reise).
Semprún hat gleichsam im Glutzentrum des 20. Jahrhunderts gelebt. Er steht für die großen Hoffnungen seiner Zeit und für die verlorenen Illusionen. Er hat gekämpft und mehr als Mut bewiesen. Er hat den Schrecken überlebt und sich gegen den Terror gestellt. Er hat seine Irrtümer eingestanden und schwer dafür bezahlen müssen. Er ist sich selbst immer treu geblieben. Und er hat die Mittel gefunden, all das für uns darzustellen. Seine Bücher ragen aus der Literaturgeschichte des 20. Jahrhunderts heraus: als literarischer Ausdruck der Wahrheit einer Zeit. Das kleine Buch ist ein großes Geschenk, das er uns, seinen jüngeren Zeitgenossen, mit auf den Weg gibt. Wir schulden ihm Dank.
Jorge Semprún: Der Tote mit meinem Namen
Aus dem Französischen von Eva Moldenhauer; Suhrkamp Verlag,
Frankfurt a. M. 2002; 202 S., 18,90 €
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