R E L I G I O N Wie lockt man die Seele ins Jenseits?
"Das islamische Totenbuch" dient suchenden Geistern als kleiner Baedeker für die Unterwelt
Es ist ein Kreuz mit dem Islam. Die meisten, die sich nach dem 11. September eine Koranausgabe gekauft haben, dürften schon bei der Lektüre der zweiten Sure Die Kuh aufgegeben haben. Zu Recht: Der Koran war nie zur stillen Lektüre gedacht, sondern lebt vom psalmodierenden Vortrag. Und die zweite Sure ist in Wahrheit nicht die zweite, sondern eine der späteren. Aber weil der Koran die Suren rein formal nach ihrer Länge anordnet, steht die Sure Die Kuh als die längste ganz zu Beginn nach der Einleitungssure. Auch die Hadithe, die Berichte über Taten und Aussprüche des Propheten, die zusammen mit dem Koran die Grundlage des islamischen Rechtssystems bilden, sind eine eher trockene Lektüre. Was also soll einer lesen, der den Islam aus den Quellen und nicht immer nur aus zweiter Hand kennen lernen will?
Das islamische Totenbuch! Zwar handelt es sich dabei weder um einen weit verbreiteten kanonischen Text des Islam, noch kommt ihm eine religiöse Verbindlichkeit zu. Auch den Verfasser und die genaue Entstehungszeit des in drei Handschriften aus dem späten Mittelalter überlieferten Korpus kennen wir nicht. Aber es ist ein Text, der beispielhaft einige zentrale islamische Vorstellungen bündelt und oftmals wundersame Geschichten erzählt. Und in der vorliegenden Neuedition einer Übersetzung aus dem 19. Jahrhundert leistet das Totenbuch noch mehr. Der biedere, aber ausführliche Begleitkommentar ist mit Koranzitaten nur so gespickt und weist Verbindungen zwischen den islamischen und den jüdisch-christlichen Jenseitsvorstellungen auf. Wir haben nun einen richtigen kleinen Baedeker für das islamische Jenseits an der Hand.
Im islamischen Weltbild spielen Tod und Jenseits eine noch größere Rolle als im Christentum. "Die Menschen schlafen, und wenn sie sterben, erwachen sie", lautet eine der bekanntesten Überlieferungen aus frühislamischer Zeit. Der Wert des Lebens im Diesseits lässt sich nur nach seinem Ergebnis im Jenseits bemessen. Dementsprechend üppig werden Lohn und Strafen ausgemalt, und nachdrücklicher als in jedem anderen religiösen Gründungstext werden im Koran Verheißungen gemacht oder Drohungen ausgestoßen. Die islamische Religion ist eine gigantische Wette auf die Nachwelt, und deshalb zählt die Deutungshoheit über den Tod zu den wichtigsten Anliegen des Islam. Wenn aber alle Kultur, wie es Jan Assmann einmal formuliert hat, dazu errichtet wurde, um mit dem Wissen vom Tod leben zu können, so ist der Islam schon einen Schritt weiter. Er versucht nicht nur, das Wissen um den Tod kulturell zu bändigen, er instrumentalisiert den Tod für seine Weltsicht.
"Als aber Gott den Adam geschaffen hatte, setzte er den Todesengel Azrail zum Herrscher über ihn ein. Es sprach der Todesengel: ,Herr, was ist der Tod?' Da gab Gott den Scheidewänden den Befehl, zurückzuweichen. So wurde der Tod sichtbar, und der Todesengel sah ihn ... Dann sprach der Gepriesene und Erhabene: ,Azrail, ich habe dich bereits zum Herrscher über ihn gemacht.' Azrail sagte: ,Mein Gott, mit welcher Kraft soll ich ihn fassen, da er doch stärker ist als ich?' Da gab ihm Gott die Kraft der Himmel." Und fortan kommt der Todesengel zur festgesetzten Stunde auf die Menschen herab. Diese jedoch machen es ihm nicht gerade einfach, jedenfalls sofern sie gläubige Muslime gewesen sind. Wenn nämlich der Todesengel die Seele von der Seite des Mundes abberufen will, "da tritt aus dem Mund das Lob Gottes hervor und spricht: ,Von mir aus ist dir kein Weg gestattet, denn von dieser Seite wurde Gott gepriesen.'" Auch von der Seite der Hand will es nicht gelingen, denn der Sterbende, so sagt die Hand, "hat mit mir viele milde Gaben gespendet". Pech für den Todesengel, dass auch der Fuß immer nur in Gotteshäuser "und zu den Sitzen der Wissenschaft" gegangen ist und das Auge "in die heiligen Schriften und das Gesicht der Gottesgelehrten geblickt" hat. Leicht frustriert, so dürfen wir es übersetzen, kehrt der Todesengel zu Gott zurück, bis dieser ihm den Trick verrät, wie die Seele dennoch aus dem Körper zu locken ist, und zwar ohne "die Bitterkeit der Trennung".
Ein wenig Augenzwinkern ist da
Ja, das Islamische Totenbuch hat einen untergründigen Humor und hebt sich dadurch angenehm von den kanonischen Schriften des Islam ab. Dem einfachen Gläubigen mag es Ehrfurcht vor dem Tod einflößen, Bilder an die Hand geben, mit deren Hilfe er mit dem Wissen vom Tod leben kann und die ihn gleichzeitig zur Befolgung der religiösen Grundsätze anleiten. Der Gebildetere - oder eben der sowieso ungläubige westliche Leser - erkennt das Augenzwinkernde in der Beschreibung des Unfasslichen und zieht aus der Lektüre einen ästhetischen Gewinn. Die Fantasie des Totenbuchs steht derjenigen christlich-jüdischer Apokalypsen nicht nach, ja, sie verdankt sich ihnen zu einem großen Teil. Neben den bekannten Posaunen und den allgegenwärtigen Siebenzahlen gibt es jedoch etliche poetische Varianten, die wir noch nicht kennen. "Wenn Gott die Geschöpfe nun auf dem Feld der Auferstehung versammelt hat und zur Rechenschaft ziehen will, so fliegen ihre Schatten hin und her, wie die Schneeflocken hin und her fliegen." Nur den Gottesfürchtigen gelingt es dann, das Buch mit ihren guten und bösen Taten mit der rechten Hand zu fassen zu bekommen. Die Gottlosen hingegen mutieren zu Linkshändern - eine Strafe, die sich der allzu wörtlichen Auslegung von Sure 84 verdankt: "Dem sein Buch in seine Rechte gegeben wird / Mit dem wird leichte Abrechnung gehalten."
Auch die Strafe, die den Weintrinkern zuteil wird, entbehrt nicht der Originalität: "Die Weintrinker werden am Tag der Auferstehung mit einem am Hals hängenden Pokal und der Mandoline in der Hand herbeigebracht, um an einem Kreuz aus Höllenfeuer getötet zu werden. Der Weingeruch kommt aus ihrem Mund und belästigt die Leute, die das Gericht erwarten, so daß sie Gott um Hilfe anflehen gegen den Gestank, den sie verbreiten." Dass man sich auch im Jenseits noch seinen Ruf bei den Nachbarn ruinieren kann, hat etwas Beruhigendes. Eben deshalb (und nicht nur wegen des Happy Ends im Paradies) ist es empfehlenswerter als das meiste, was wir bislang in den Buchhandlungen an religiösen Texten des Islam finden konnten.
Das islamische Totenbuch
Jenseitsvorstellungen des Islam
Neu herausgegeben von Helmut Werner; Gustav Lübbe Verlag,
Bergisch-Gladbach 2002; 284 S., 18,- €
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