F I L M - F E S T I V A L Ungestillte Sehnsucht, ersticktes Begehren
Die Filme auf der Biennale in Venedig träumen von Liebe und Untergang. Doch viele enden bloß im Sozialkitsch
Auch die Mostra del cinema steht im Zeichen einer zarten Lethargie, die kaum je in Hektik oder überflüssigen Aktionismus umschlägt. Eher neutralisieren sich eventuell vorhandene Energieüberschüsse sogleich in einem großen Durcheinander der Zeitachsen und Parallelwelten, schlurfen Feriengäste in Badelatschen an schwarz gewandeten Bodyguards vorbei, bringen Schnellboote, die mit Harrison Ford oder ähnlichen Hollywood-Partikeln beladen sind, die Barkassen der Muschelfischer sanft zum Schaukeln. In der Schlange des Strandrestaurants präsentieren Pensionärinnen malvenfarbene Badeanzüge, Goldklunker und sonnengegerbte Haut, während auf dem roten Teppich Sophia Loren, deren Gesicht zu einer erschreckenden Glamourmaske erstarrt ist, als "Bellissima" gefeiert wird - so wird in Venedig selbst das Altern der Filmstars zum natürlichen Zeichen einer umfassenden Morbidität. Kam vielleicht diese mehr oder weniger latente Lido-Melancholie bei der 59. Ausgabe der Filmbiennale deshalb besonders zum Ausdruck, weil auch auf der Leinwand eine unbestimmte Wehmut herrschte?
Auf der Suche nach der verlassenen Geliebten
In Far from Heaven bezieht sich Todd Haynes auf die großen amerikanischen Melodramen der fünfziger Jahre, die er von den prallen Technicolorfarben bis in die Details von Outfit und Ausstattung akribisch rekonstruiert. In diesem Film will der Herbst gar nicht mehr aufhören. Schon hat er die Vorgärten erreicht, lugt durch die Wohnzimmerfenster und wirft seine ersten Schatten auf das Gesicht von Julianne Moore. Zwischen purpurnen Petticoats und giftgrünen Cocktails spielt Moore, die für diese Rolle den Preis als beste Darstellerin erhielt, eine permanent lächelnde Hausfrau, deren Glückskonstruktion am Auseinanderbrechen ist, auch wenn sie es noch nicht wahrhaben will. Ihr Mann fühlt sich zu anderen Männern hingezogen und sie selbst zum farbigen Gärtner, derweil eine alarmierte Phalanx aus bedrohlichen Busenfreundinnen und Klatschbasen argwöhnisch über die Erhaltung der Etikette wacht. Während sich der Betrachter über Julianne Moores kühn karierte Badeanzüge und die schnittigen Hüte ihres Mannes belustigt, schaut eine ganze Epoche des amerikanischen Kinos von der Leinwand zurück - um verwundert festzustellen, dass sich seit den Fünfzigern weniger verändert hat, als die Zeichen der Mode und der Ausstattung glauben machen. Far from Heaven ist eine filmische Elegie über Gefühle, die im wahrsten Sinne des Wortes nicht ins Bild passen, über Begehren und Sehnsüchte, die im Keim erstickt werden, weil es für die, die sie empfinden, keinen gemeinsamen Ort gibt.
Herbstliche Farborgien, ein symbiotisches Liebespaar, das nach einem Verrat ruhelos umherziehen muss - auch der neue Film von Takeshi Kitano ist von einer traurigen Grundmelodie durchzogen. Den Titel kann man durchaus programmatisch verstehen: Dolls beruht auf der Tradition des klassischen japanischen Bunraku-Puppentheaters und macht seine Hauptfiguren zu Menschenpuppen. Mit einer Kordel aneinander gebunden, durchwandelt das junge Paar uhrwerkhaften Schrittes die Landschaften und Jahreszeiten. Ewiger Bußgang und Pilgerfahrt ohne Ziel, die zum roten Faden eines Films wird, in dem sich alltägliche Figuren der modernen japanischen Gesellschaft und der Popkultur mit Jahrtausende alten Auffassungen von Liebe, Anbetung und Opfer verbinden.
Die Wege der unzertrennlichen Liebenden kreuzen sich mit einem fanatischen Fan, der einer Sängerin bis zur Selbstaufgabe nachstellt und einem alternden Yakuza-Mitglied, das nach Jahren seine einst verlassene Geliebte aufsucht. In einer großartigen Szene zeigt Kitano den mystischen Moment, in dem die Menschen ihr Puppenschicksal annehmen. Vor einer gewaltigen Schneelandschaft filmt er zwei prachtvolle Gewänder, die in der Luft zu hängen scheinen. Nach einer kurzen Überblendung steckt das Paar auch schon in seinen neuen Kostümen, als sei es von unsichtbaren Händen angezogen worden. So betreibt Dolls ein Spiel mit dem Determinismus und eine Umkehrung der Repräsentation: Kitanos Film könnte dem Kopf einer Bunraku-Puppe entsprungen sein, die sich wiederum der Menschenpuppen bedient, um eine große Liebesparabel zu erzählen.
Dolls und Far from Heaven, zwei Filme, die ihre ästhetische Kraft aus der Spannung zur selbst gesetzten klassischen Vorgabe ziehen und den Menschen als Spielball unsichtbarer Mächte und Kräfte beschreiben, waren die eindrücklichsten Beiträge des diesjährigen Wettbewerbs. In ihren hoch artifiziellen, fein ziselierten Konstruktionen verfängt sich immer noch mehr Wirklichkeit als in den selbstgefälligen Elendsepen, die ansonsten das Festival bestimmten. Etwa The Magdalene Sisters von Peter Mullan, das in einem gefängnisartigen Kloster im erzkatholischen Irland der sechziger Jahre spielt. Ungewollte Schwangerschaft, Vergewaltigung oder auch ein Flirt mit dem Nachbarsjungen reichen, um hinter den Höllentoren dieses Ortes zu landen.
In gediegenen, sorgfältig ausgeleuchteten Bildern filmt Mullan sadistische Nonnen und geschundene Mädchen, eine Parade mehr oder weniger offener sexueller Demütigungen, in ihrer dramaturgischen Einfalt gar nicht so weit entfernt von den schmuddeligen Frauengefängnisfilmen der siebziger Jahre - dafür gab's den Goldenen Löwen. Geradezu ausbeuterisch verfährt Andrej Kontschalowskij mit den geschundenen Kreaturen seines Films Dom Dorakov, der den Großen Preis der Jury gewann. In der Parabel um die auf sich gestellten Insassen einer psychiatrischen Anstalt, die zwischen die Fronten des Tschetschenienkrieges geraten, fährt er vom überschäumenden Irren bis zum unschuldigen Toren alle Klischees auf, die der Umgang mit Geisteskrankheit zu bieten hat, und inszeniert seine Hauptdarstellerin als versöhnlich lächelndes Seelchen, das alle Kriege und Konflikte mit leidenschaftlichem Akkordeonspiel übertönt. Die formale Unverbindlichkeit von Kontschalowskij und Mullan lässt ihre an sich ehrenwerten Themen wie austauschbare Module der Menschelei erscheinen und die Regisseure wie Freibeuter des Elends. Dass die Hauptpreise des Festivals an drei Filme gingen, die von einem Irrenhaus, einem Gefängniskloster und der Liebesgeschichte zwischen einem leicht debilen Jungen und einem schwer verkrüppelten Mädchen erzählen, weist - natürlich völlig wertungsfrei - darauf hin, dass die Jury den morbid-melancholischen Schwingungen des Lido dann doch zu sehr erlegen war.
Wie weit reicht der lange Arm von Silvio Berlusconi?
Es hat eine gewisse Ironie, dass sich ausgerechnet der Verantwortliche für diesen wenig Staat machenden Weltschmerz-Wettbewerb dem Generalverdacht ausgesetzt sah, nur eine ferngesteuerte Berlusconi-Puppe zu sein. Moritz de Hadeln, nach zwei Jahrzehnten geschasster Berlinale-Chef, der in letzter Minute das Steuer der Filmbiennale übernahm, machte auf dem Lido eine eher unglückliche Figur. Es mag an den bohrenden Fragen nach dem Einfluss der Regierung liegen, vielleicht auch an den Fettnäpfchen, in die de Hadeln unter anderem mit seiner auf Vertragsverlängerung schielenden Forderung nach mehr Kommerzkino stapfte. Seinem in nur vier Monaten aus dem Boden gestampften Programm eine schleichende Berlusconisierung zu unterstellen wäre allerdings ebenso absurd wie verharmlosend angesichts eines Regierungschefs, der Italien, seine Medien- und Kulturlandschaft ohnehin als persönliches Firmeneigentum betrachtet und für den die Filmbiennale kaum mehr ist als ein kulturpolitisches Mosaiksteinchen von allenfalls symbolischem Wert. Dass der rote Teppich eine Show ist und ein auf groß angelegte Medialisierung ausgerichtetes Festival nur überleben kann, wenn es genügend wandelnde Scheinwerferkegel versammelt, ist eine Binsenweisheit, die der Routinier de Hadeln in Venedig nicht anders umsetzte als seine Vorgänger.
Vielleicht schärft eine Stadt, deren Ikone ein Boot ist, das aussieht wie ein Sarg, einfach die Sinne für das Vergehen der Schönen und Glamourösen, vielleicht war es auch nur Zufall, dass sich auf der Filmbiennale auffällig viele Mitglieder der Kinogeschichte in Filmen bewegten, die das Altern ihrer Hauptfiguren mehr oder weniger zärtlich zum Thema machten. So inszenierte Sophia Lorens Sohn Eduardo Ponti seine Mutter in dem belanglosen Drama Between Strangers als vom Schmerz schwer gezeichnete alte Frau, die auf der Leinwand allerdings um Jahre jünger aussah als die reale Loren auf dem Lido. In Tonie Marshalls Screwball-Versuch Au plus près du paradis erleben Catherine Deneuve und William Hurt eine spätromantische éducation sentimentale. Auf der einen Seite eine reservierte Französin, die in New York notorisch unvorteilhafte Kostüme und zu enge Schuhe trägt und unablässig auf der Suche nach Orten ohne Rauchverbot ist. Auf der anderen ein pragmatischer amerikanischer Fotograf und Haudegen, der die Frau seines Lebens erkannt hat und nicht mehr loslassen wird. Marshall inszeniert sie als zwei einsame Wölfe, die sich an der Bar trockene Wortgefechte liefern, durchsichtiges Desinteresse heucheln und wie zwei Boxer die Schwächen des anderen austesten, bis sie sich endlich ihren Gefühlen überlassen. Au plus près du paradis ist ein Liebesfilm von wunderbar diskretem Humor, über dem allerdings auch die leise Ahnung liegt, dass Hurt und Deneuve wohl nicht mehr viele Rollen dieser Art spielen werden.
Ein hörbares Aufatmen ging durch die Zuschauerreihen, als, ungefähr zur Festivalmitte, ein anderer Kinoveteran energischen Schrittes die Leinwand betrat. Clint Eastwood, sonnenbebrillt und cooler denn je, verbreitete genau den ansteckenden Pragmatismus, der Filmkritiker und Publikum aus ihren imaginären Aschenbach-Liegestühlen herausholte. In Blood Work inszeniert sich Eastwood selbst als pensionierten Polizisten, der noch einmal einen Fall in die Hand nimmt. Und besitzt gleichzeitig die Ironie, alle Verletzlichkeit und Vergänglichkeit seines Schauspielerkörpers zum Thema eines Thrillers zu machen.
Ein sanfter Held mit einem Frauenherz in der Brust
Eastwoods Haar ist etwas lichter geworden, seine Stimme noch heiserer und sein Gang ein wenig schleppend. Nach einer Herztransplantation macht er sich als Detective Terry McCaleb auf, den Mörder seiner Spenderin zu suchen. McCaleb ist ein Macho, in dessen schwer vernarbter Brust nun ein Frauenherz schlägt, ein Moralist, der für die Gerechtigkeit seine Gesundheit aufs Spiel setzt, ein sanfter Held, der sich immer wieder von seiner dominahaften Ärztin (Anjelica Huston) zusammenstauchen lässt. Wenn Eastwood mit bedächtigen Bewegungen seine Pumpgun aus dem Kofferraum holt, die ergrauten Augenbrauen zusammenkneift und in aller Ruhe mit großkalibrigen Schüssen ein davonbrausendes Auto zerlöchert, dann kann es keinen glamouröseren Alterssitz als die Leinwand geben.
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