Die Deutsche Börse müht sich sichtlich, die verloren gegangene Freude der Anleger an Aktien neu zu wecken. So verkündete sie vor zwei Wochen, dass die Emissionsprospekte bei Börsengängen künftig übersichtlicher, informativer und vergleichbarer sein werden.

Das kann zwar nicht schaden, doch die Aktienkauflust wird es wohl kaum steigern. Der Niedergang der New Economy, Betrügereien und Bilanzmanipulationen, dazu die ungewisse Konjunkturentwicklung - all das schreckt ab. Und das, obwohl selbst die Aktienkurse einiger Dax-Unternehmen unter dem Buchwert notieren und damit - jedenfalls in der Theorie - echte Schnäppchen sind. Die Anleger, professionelle wie private, warten lieber ab, ihre Risikofreude der letzten Jahre ist verschwunden.

Warum das so ist, versucht die vergleichsweise junge Forschungsrichtung des Behavorial Finance zu ergründen. Sie untersucht das Börsengeschehen unter psychologischen Aspekten, kümmert sich sozusagen um die Seele des Anlegers.

"Die Menschen haben das grundsätzliche Bedürfnis, ihre Zukunft unter Kontrolle zu haben", sagt der Frankfurter Börsenspezialist Joachim Goldberg, Chef des Analysehauses Cognitrend. Im Hype schien das kein Problem: Es reichte, die "richtigen" Papiere zu kaufen und im Depot zu verwahren. Dank scheinbar garantierter Gewinne konnte sich jeder als Experte fühlen, Euphorie kam auf - ein Phänomen, das die Behavorial-Finance-Forscher als "überschießenden Optimismus" bezeichnen. Dann kam der Crash: Prognosen von Analysten und Fondsmanagern erwiesen sich reihenweise als falsch, einstige Börsenstars wie Brokat und Kabel New Media trudelten in die Insolvenz. Für die, die die ganze Zeit überzeugt waren, die Lage im Griff zu haben, war es der mentale Super-GAU, das Gefühl eines totalen Kontrollverlustes.

Die Folge: Agonie. "Die Menschen verfallen in eine Art Angststarre. Sie wissen nicht, was richtig und was falsch ist, und tun gar nichts mehr", erklärt der Münchner Börsenpsychologe und Buchautor Hartmut Kiehling. Es herrscht massive Verunsicherung über den richtigen Zeitpunkt zum Ein- und Ausstieg in den Markt: Was ist billig, was teuer? Ist die Telekom-Aktie, die vor gut zwei Jahren noch bei einem Kurs von 100 Euro zum Kauf empfohlen wurde, nun mit 10 Euro überbewertet? "Die Ankerwerte sind verwischt", sagt Kiehling.

Sicher in der Herde

Viele Anleger haben außerdem mental umdisponiert. Sie verhalten sich wie Kinder, die auf die heiße Herdplatte gefasst haben und sich nun nicht einmal mehr in die Küche wagen. Kiehling: "Wer risikofreudig war, ist jetzt übervorsichtig."