Manchmal ist es besser, wenn die großen Dinge mit einer kleinen Demutsgeste beginnen. Deshalb hat Gerard Mortier als allererstes Musikstück in seiner neu gegründeten Ruhr-Triennale einen Choral von Johann Sebastian Bach anstimmen lassen: "Ach wie flüchtig, ach wie nichtig ist des Menschen Leben." Der Theatermusiker und Komponist Parviz Miz-Ali hat ihn an den Anfang der Eröffnungsrevue Deutschland, deine Lieder gestellt. Wie aus dem Kohlenkeller der irdischen Existenz klingt er aus dem Graben vor der Bühne herauf, leise und eindringlich, im vierstimmigen Chorsatz, a-Moll: "Alles, alles, was wir sehen, das muss fallen und vergehen."

Vielleicht gibt das ja Kraft. Vielleicht kann, wer auf die Gewissheiten Bachs baut, ein so ehrgeiziges Großprojekt wie die Ruhr-Triennale gleich viel gelassener angehen. Denn das Kunstluftschloss, dass die Politiker in Nordrhein-Westfalen vor Augen haben, wenn sie an ihre neuen Festspiele denken, könnte kaum höher sein. Auf ein modernes Salzburg an der Ruhr hoffen sie, auf ein Event mit internationaler Ausstrahlung, ein Festival, das das kulturelle Kirchtumsdenken der Städte im Pott aufbricht und der ganzen Region einen übergeordneten Metropolencharme verleiht. Dafür legt die Landesregierung für jeweils drei Festivaljahre die gewaltige Subventionssumme von 20 Millionen Euro auf den Tisch, und Gerard Mortier ist der erste künstlerische Leiter, der sie ausgeben darf.

Monumente der Vergänglichkeit

Alles, was wir sehen, das muss fallen und vergehen. Der Bachchoral weicht nicht aus dem Ohr, wenn man die Aufführungsorte der Triennale besucht - die riesigen Brachen der Stahl- und Steinkohleindustrie, die seit der Internationalen Bauausstellung Emscher Park vor zehn Jahren Denkmäler geworden sind. Die gerade zum Weltkulturerbe erklärte Zeche Zollverein in Essen zum Beispiel mit ihrer wunderbar klar und funktional strukturierten Würfelarchitektur

der Landschaftspark Duisburg Nord, der als eine monströs verschlungene Skulptur aus Fabrikhallen, Rohrsystemen und Schornsteinen aufragt

die trostlos vor sich hin korrodierende Kokerei Hansa in Dortmund oder die Jahrhunderthalle in Bochum, in der die umbaute Grundfläche so groß ist, dass die Menschen darin nur noch wie winzige Wasserläufer auf einem großen See erscheinen. Für 50 Millionen Euro wird sie gerade restauriert und zum Hauptveranstaltungsort für die Triennale umgestaltet.

Kathedralen des Gewesenen sind all diese Spielstätten, Monumente der Vergänglichkeit, in denen man vor allem eins spüren kann: die Abwesenheit der großen Energien von einst. Die Stille, die in den leer geräumten Gebläsehallen, Kraftzentralen und Waschkauen herrscht und die draußen in den Parks mit ihren spindelig sprießenden Birkenbäumchen über festgebackenen Dampfhämmern, verbeulten Kohlewaggons und lädierten Druckkesseln liegt, offenbart eindrucksvoll, dass ein Jahrhundert an sein Ende gekommen ist. Es gibt ein Stück von Christoph Marthaler, das heißt 20th Century Blues. Diesen Blues spürt jeder, der die Industriedenkmäler im Revier betritt.