Nein, von dem verschnörkelten Liebreiz mochte man nichts mehr wissen. Die Architektur sollte von einer anderen Welt künden, sollte forsch und avanciert sein - genau wie die Technik der Essener Zeche Zollverein. Deshalb ging der Auftrag 1927 an die Architekten Fritz Schupp und Martin Kremmer, sie verliehen dem unterirdischen Tiefendrang eine überweltliche Modernität, welche sich seit kurzem sogar Weltkulturerbe nennen darf. Bis zum 3. November ist dies Denkmal nun im Denkmal zu bestaunen: In der Halle 8 erzählen eindrucksvolle Modelle und Skizzen davon, wie das kubische Gleichmaß der Zeche entstand. Symmetrie und Symbol nennt sich die Ausstellung und deutet damit an, dass die Architektur von Schupp und Kremmer etwas Doppelgesichtiges besitzt: Sie ist von bauhauskühler Leichtigkeit, verkörpert die rationale Strenge des Fortschritts, und doch tritt sie meist mit der Inszenierungslust des Barocken auf, huldigt mit pseudofeudaler Erhabenheit den Großindustriellen. Dies lässt sich auch bei vielen anderen Projekten des Büros beobachten, die in Essen mit großer Sorgfalt gezeigt werden (und die ein hervorragender Katalog dokumentiert: Verlag Walther König, 24,80 Euro).

Technizistisch im Kleinen, überschwänglich im Großen - diese Spannung prägt fast alle Bauten. Dogmatiker aber waren Schupp und Kremmer nicht: Der nüchterne Zeigestolz blieb den Fabriken vorbehalten, ihre Wohnsiedlungen nebenan durchwehte hingegen die Walmdachgemütlichkeit des 19. Jahrhunderts - die kühnen Zeichen des Fortschritts sollten sich nicht im Alltägtlichen verschleißen.