Bill Catucci hätte mit seinen 65 Jahren auch in Rente gehen können. Aber er hat noch ein ehrgeiziges Karriereziel: Big Brother zu sein. Der ehemalige Manager der Kreditagentur Equifax hat in New York eine Firma namens Regulatory DataCorp (RDC) gegründet, die zu einem der schärfsten Wachhunde auf dem Globus werden soll. "Wenn ein Bankkunde in New York einmal Schwierigkeiten mit den schweizerischen Aufsichtsbehörden hatte - wir wollen das wissen", sagt Catucci. "Und wenn er mal in Hongkong festgenommen wurde - das wollen wir auch wissen."

Solche Informationen interessieren im Augenblick vor allem Banken und Finanzinstitute. Die neuen amerikanischen Terrorgesetze zwingen sie nämlich, ihre Kundschaft viel genauer unter die Lupe zu nehmen als bisher.

Terroristen, Drogenhändler und andere Geldwäscher sollen keine Konten mehr eröffnen können - und die Banken sind gezwungen, einen Teil der zur Abwehr möglicher schwarzer Schafe nötigen Detektivarbeit zu leisten.

So gehören zu Catuccis ersten Kunden und Investoren bereits Finanzgrößen wie die Deutsche Bank und Goldman Sachs. "Ein gewaltiges Wachstumsfeld" tue sich auf, freut sich der RDC-Chef. Im Augenblick tourt er meist um die Welt - auf der Suche nach immer neuen Listen, Verzeichnissen, Festplatten und Online-Datenbanken, die beim Spüren irgendwie nützlich sein könnten. "Wir wollen die kompletteste Datei der Welt haben", sagt er.

Bush gibt Milliarden dazu

Catucci ist einer der Pioniere einer jungen amerikanischen Wachstumsbranche: der Antiterrorwirtschaft. "Der 11. September hat den Lieferanten von Sicherheitstechnik hervorragende Marketingargumente verschafft", sagt David Lyon, ein Sicherheitsexperte an der Queens University (siehe Interview). "Es ist ein wachsender Kuchen, und jeder will ein Stück davon." Amerikas Präsident George W. Bush schuf nicht nur ein neues Ministerium für die "Verteidigung der Heimatfront", er will auch jährlich zweistellige Milliardensummen für die Sicherheit ausgeben. Dazu kommen private Firmen, die noch mal ähnlich viel investieren, schon weil die Antiterrorgesetze aus Washington sie dazu zwingen. In etlichen Konzernen ist der Posten des "Sicherheitschefs" in der Unternehmenshierarchie ein ganzes Stück nach oben gerutscht.

Hersteller und Dienstleister rings um die Sicherheit stellen sich auf das Geschäft ihres Lebens ein - den Osama-bin-Laden-Boom. Produzenten von Anthrax- und Bombenspürmaschinen, von Überwachungskameras für Flughäfen, Evakuierungsfallschirmen für Wolkenkratzer und Wanzen fürs Telefon lassen ihre Lobbyisten auf die Politiker in Washington los oder veranstalten "Sicherheitsfachmessen" für Regierungs- und Konzernvertreter. Für Anfänger in der Branche hat die Kommunikationsfirma Potomac Tech Wire gar schon ein Lobbyisten-Handbuch mit den 500 wichtigsten Behördenadressen herausgebracht, das Verzeichnis für die Verteidigung der Heimatfront. Kostenpunkt: 395 Dollar.