Mögen die Konturen bei anderen Themen schwer zu erkennen sein, in der Landwirtschaftspolitik stehen Rot-Grün und Schwarz-Gelb in krassem Gegensatz zueinander. Bekenntnisse zum Tier-, Umwelt- und Verbraucherschutz haben zwar alle Parteien parat. Doch bei FDP und CDU/CSU verbirgt sich dahinter die zielstrebige Wende jener "Agrarwende", mit der die Regierung Schröder zumindest begonnen hat, solche Appelle ernst zu nehmen.

Kehrt marsch: Die Umkehr anführen würde der schleswig-holsteinische CDU-Chef Peter Harry Carstensen, der in Stoibers Kompetenzteam als Proporznorddeutscher die bisher mehrheitlich Schwarz wählenden Bauern bedienen soll. Der Bundestagsabgeordnete mit zünftig-bodenständiger Herrenrundenkultur ist Aufsichtsrat der CG Nordfleisch AG und ehrenamtlicher Präsident der chemie- und gentechnikfreundlichen Deutschen Gesellschaft für Agrar- und Umweltpolitik. Er repräsentiert jene enge Verbindung zwischen Agrobusiness, Bauernlobby und Politik, deren Macht Renate Künast im Interesse der Verbraucher beschneiden will. Im Weltbild des Agraringenieurs Carstensen taucht Landwirtschaft kaum als regional geprägte Agrikultur auf, sondern vor allem als großflächige Rohstoffproduktion im internationalen Wettbewerb.

Deren Zwang zur Kostensenkung hat immer neue Lebensmittelskandale hervorgebracht.

Gewiss, ohne BSE-Schock hätte auch Rot-Grün die alten Strukturen kaum angetastet. So war der Zorn vieler Landwirte zunächst nachvollziehbar: Dieselbe Regierung, die zwei Jahre lang Weltmarktorientierung gepredigt hatte, geißelte plötzlich die "Agrarfabriken" und lobte den Biolandbau. Diese Polarisierung schürt Carstensen nun eifrig: Er werde als Landwirtschaftsminister die "Diskriminierung der traditionellen Landwirtschaft" abbauen

mit der einseitigen Förderung des Ökolandbaus müsse Schluss sein.

Dabei verläuft der Interessengegensatz viel eher zwischen den industriellen Großbetrieben - Carstensens Welt - und den oft existenzgefährdeten kleinen Bauernhöfen. Auch der Vorwurf der Einseitigkeit lässt sich kaum halten. Zwar hat Renate Künast mit dem Verbot der Käfighaltung bei Legehennen, dem Ökosiegel und der Förderung des ökologischen Landbaus Prioritäten gesetzt.

Auch andere Programme begünstigen den Umwelt- und Landschaftsschutz und die Renaissance eines regionalen Lebensmittelhandwerks und -vertriebs. Aber die Mittel dafür kommen vor allem konventionellen Betrieben zugute.