die zeit: Professor Baltes, Sie sind Mitherausgeber der neuen Encyclopedia of Social and Behavioral Sciences, eines gigantischen Werks, das seinesgleichen sucht (siehe unten stehenden Kasten). Am Anfang dieser Enzyklopädie steht der schöne Satz, die Zeit sei gekommen, dass die Sozialwissenschaften zum Gemeinwohl beitragen sollten. Das klingt skurril und erinnert doch an die Hoffnung Diderots vor 250 Jahren, der mit seiner Encyclopédie dazu beitragen wollte, dass seine Enkel glücklicher und gebildeter seien - womit nichts weniger als die Umwälzung der Epoche gemeint war. Was verstehen Sie nun unter Gemeinwohl?

Paul Baltes: In die Tradition der modernen Enzyklopädien gehört es, das Wissen einer Zeit für das Projekt der Demokratisierung nutzen zu wollen. Im Aufklärungsprojekt Diderots sollten Wissen, Politik und Moral zusammengeführt werden. Heute würde man sich davor hüten, diesen Anspruch zu stellen. Aber wir schließen an die Tradition an, dass möglichst viele Zugang zum Wissen der wissenschaftlichen Elite haben sollen. Zweitens geht es uns um die Stärkung der persönlichen und gesellschaftlichen Urteilskraft, indem wir helfen, gesichertes Wissen von Informationen unterschiedlichster Art und Güte zu unterscheiden. Um die heutige Überschwemmung durch Informationen einzudämmen, will unsere Enzyklopädie nach Qualitätsstandards vorgehen und nur das methodisch gesicherte Wissen der weltweiten Community bereitstellen. Und drittens geht es uns in der Enzyklopädie darum, mit Heiterkeit und Pragmatismus das Wissen der verschiedensten Disziplinen nebeneinander zu stellen: Wie beschreiben ein Ökonom, ein Biologe, ein Psychologe, ein Soziologe ein menschliches Phänomen wie Intelligenz oder Individualität? Den angestrengten und oft verkrampft wirkenden philosophischen Streit um die obsiegende unter den verschiedenen Wahrheiten wollten wir durch eine neue pragmatische und auf Kommunikation ausgerichtete Interdisziplinarität überholen.

zeit: Das klingt sehr amerikanisch: In heiterer Liberalität steht auf der Bühne alles Wissen nebeneinander, als würde nicht hinter der Bühne um Macht, Geld, Deutung gestritten.

Baltes: Das Streiten wollen wir nicht begraben, aber das Kriegsbeil und die wechselseitige Verdrängung als primäre Instrumente der Auseinandersetzung.

Aber es ist schon richtig: Der systematische Pluralismus unseres Werks wäre allein aus der europäischen Tradition heraus kaum möglich gewesen. Europäer allein hätten diese interdisziplinäre und pragmatische Heiterkeit nicht zustande gebracht.

zeit: Was ist das spezifisch Neue an dieser Enzyklopädie? Die Globalität des Wissens? Die historische Relativität?

Baltes: Zunächst der Gegenstand: die Sicht des Menschen und der Gesellschaft aus der Perspektive der Sozial- und Verhaltenswissenschaften. Dann die Entstehung, die wir im besten Sinne eines peer-review-Prozesses demokratisieren wollten. Alle Autoren sollten weltweit die geeignetsten sein und möglichst nur einen Text verfassen. In Diderots Werk war doch etwa ein Drittel der Beiträge von ganz wenigen Personen verfasst worden!