Timbuktu, die Stadt am Niger, war einmal eine glanzvolle Metropole, ein Zentrum der islamischen Wissensproduktion, ein florierender Handelsplatz, wo Karawanen aus dem Norden Salz gegen Gold und Sklaven eintauschten. Wenn man sich heute der Mühe unterzieht, Timbuktu auf dem mehrwöchigen Seeweg oder mit einer rostigen russischen Propellermaschine zu erreichen, dann ist von der einstigen Pracht gar nichts mehr zu sehen: In den staubigen Gassen zwischen einstöckigen Gebäuden hängen sich Kinder an die Besucher und schreien: "Cadeau, cadeau!" Der Geruch von verfaultem Fisch mischt sich mit Gewürzduft.

Und über allem liegt wie eine bleischwere Wolke das Gefühl des Stillstands in dieser geografischen Isolation.

Fantasieflaggen

Man kann sich kaum einen Ort vorstellen, der weiter weg ist von der westlichen Zivilisation und von der schönen neuen Welt der Kommunikationstechnologien. Und doch ist ausgerechnet in Timbuktu unter dem Namen Télécentre Communautaire Polyvalent ein groß angelegtes Netzprojekt entstanden, das mittlerweile Modellcharakter für ganz Afrika hat. Durch die Einrichtung von E-Mail, Fax, Videokonferenzen, Net-Meetings, Voice-Mail und Internet-Accounts wurden die Bewohner von Timbuktu an die Welt angeschlossen und untereinander vernetzt. "In Timbuktu hat heute jedes Kind seine eigene E-Mail-Adresse", erzählt Birama Diallo, der Initiator des Projektes stolz.

TCP entstand unter der Schirmherrschaft der Unesco und einiger anderer Institutionen und soll bald, nach erfolgreichem dreijährigen Probebetrieb, in die Selbstständigkeit entlassen werden. Ein kleiner kommunikativer Triumph auf einem Kontinent, der bislang die Nachhut auf dem Weg zur globalen Vernetzung stellt. Das Télécentre aus Timbuktu wurde bei der diesjährigen Ars Electronica in Linz vorgestellt, die sich unter dem Titel Unplugged kritisch mit der digitalen Kluft zwischen Nord und Süd, also zwischen Informationsaristokraten und Datenproletariat auseinander setzte. Die Veranstalter fragten: Wie lassen sich Cyberspace und wirkliche Welt in Zonen der Armut und der Entbehrung in Balance bringen? Und wer organisiert die globale Gesellschaft, wenn die Politik ihre integrative Kraft verliert?

Neben dem Télécentre aus Timbuktu wurden ähnlich gelagerte Projekte und Initivativen vorgestellt: Das Internet-Café und E-Commerce-Portal der Modeschöpferin Oumou Sy aus Dakar oder ein in die Dörfer des Senegal expandierendes mobiles Computerausbildungsprogramm des Popstars Youssou N'Dour mit dem Namen Joko.

Die Vielzahl von Projekten, die zeigten, dass Afrika gewillt ist, von den holprigen digitalen Feldwegen auf die weltweite Datenautobahn einzubiegen, war gleichzeitig das Dilemma der Ars Electronica: Bei diesem Festival hätte man gehofft und erwartet, dass auch die Kunst jenseits der digitalen Kluft zu sehen sein würde. Doch da habe man, trotz intensiver Recherche, nicht viel gefunden, gab eine Veranstalterin zu.