Man mag ihn nicht besonders gehaltvoll oder unterhaltsam finden, diesen Wahlkampf, aber einen Vorzug hat er immerhin: Während er andauert, hat wenigstens noch keiner gewonnen, und jedes mögliche Ergebnis scheint einstweilen auch vermeidbar. Wir wollen den Schwebezustand auskosten, solange es geht, denn was immer der 22. September bringen mag, der Kater am Morgen danach ist gewiss. Wer wird sich ernsthaft auf vier weitere Jahre Schröder freuen, wo es ihm und den Seinen gelungen ist, schon nach einer Amtszeit verbraucht zu wirken, sodass sie ihr politisches Überleben nur von Naturkatastrophen oder vom abschreckenden Strebergehabe des Herausforderers erhoffen können? Stoiber dagegen musste gar nicht erst regieren, um bereits Überdruss zu wecken

es genügten die paar Wochen, in denen er wie der sichere Sieger aussah. Seither mutet der Gedanke an eine von ihm geführte Koalition deprimierend an wie die Aussicht auf ein fünftes Kabinett Kohl.

Der Wahlkampf lässt sich am ehesten als eine Art Gemeinschaftsaktion zur Vernichtung der Chancen und Spielräume für die nächste Legislaturperiode begreifen, als Versuch maximaler Erschwerung allen künftigen Regierens. Der rot-grüne Ohneuns-Radikalismus in der Irak-Frage wird einen wiedergewählten Schröder zwingen, entweder in einer weltpolitischen Sackgasse einsam stecken zu bleiben oder unter komplizierten Verrenkungen sein Wort zu brechen

einem neu gewählten Stoiber stünden dafür kräftezehrende Kämpfe mit einer abermals friedensbewegten Linksopposition bevor.

Das Interesse an Wirtschafts- und Sozialreformen hat der Kanzler unglaubwürdig spät wiederentdeckt (Hartz!), der Kandidat gespenstisch früh verloren (nur keine Grausamkeiten!) - schwer vorherzusagen, wer bei der Zementierung des Stillstands erfolgreicher wäre. Man findet sich in der seltsamen Lage, nicht auf die Verlässlichkeit, sondern auf die Hinfälligkeit von Wahlversprechen zu hoffen, darauf, dass die Politiker nicht wirklich tun werden, was sie sagen, und nicht so sind, wie sie sich geben. Dass also etwa Joschka Fischer den Rückfall hinter das von ihm erreichte außenpolitische Niveau nur spielt oder Guido Westerwelle im Augenblick der Regierungsbeteiligung die alberne Spaßmontur ablegt wie ein Theaterkostüm und darunter ein anständiger Liberaler zum Vorschein kommt.

Die vielen Unentschiedenen, von denen die Demoskopen sprechen, mögen daher gar nicht jene wach zu küssenden Unpolitischen sein, für die man sie in den Parteizentralen hält. Sondern verzweifelte Verweigerer und Entscheidungsflüchtlinge, die auch bei angestrengtem Nachdenken nicht herausfinden können, welches diesmal das kleinere Übel sein soll. Dafür spricht, dass die Stimmungsdynamik des Wahlkampfs von Ausweichmanövern des Wahlvolks beherrscht ist, von der Tendenz, im letzten Augenblick gleichsam mit quietschenden Reifen beizudrehen und die Siegeszuversicht der Bewerber zu enttäuschen. Das traf Schröder, solange er sich obenauf fühlte ("ruhige Hand")

sobald aber Stoiber vor den Toren stand, begannen die Leute ebenfalls erschrocken abwehrend die Hände zu heben und Reißaus zu nehmen. Man will es nicht gewesen sein. Wohl dem, der am Wahlabend sagen kann, er habe für die Verlierer gestimmt.