Werden wie Stoiber. Der Geübte braucht nicht mehr als einen Tag dazu. Stoiber hat bestimmte Eigenheiten, die im Gedächtnis hängen bleiben, drum ist er keine besonders komplizierte Figur. Im Gegensatz zu Schröder und Westerwelle, deren glatte Beschaffenheit dem Kabarettisten weit mehr abverlangt. Besonders eigentümlich wirken die Stoiberschen "Ähs", die er sich neuerdings hat abschleifen lassen wie andere Leute die Zähne. Vor aller Augen hat Stoiber eine Metamorphose hin zur Fernsehtauglichkeit durchgemacht und stellt damit auch seinen Imitator vor immer neue Herausforderungen.

Mathias Richling, der als Stoiber-Parodist dem Original zum Verwechseln gleicht, muss bei der Verwandlung des Kandidaten am Ball bleiben, damit er keinen Stoiber nachmacht, den es gar nicht mehr gibt. Diese "Ähs", sagt Richling, waren natürlich die Folge erhöhter Vorsicht eines Bayern auf dem bundespolitischen Parkett: "Denn Stoiber überlegt nicht jeden Satz, er überlegt jede Silbe." Leider hat ihm aber jemand die "Ähs" abgewöhnt, und er wird wie ein Rennpferd auf die großen Wahlkampfauftritte vorbereitet. Deshalb sieht Richling Stoiber zu einer neuen Marotte Zuflucht suchen, um Zeit zum Denken beim Reden zu gewinnen. "Achten Sie mal darauf", sagt der Kabarettist, "bei jedem neuen Satz wiederholt er jetzt den letzten halben Satz des vorherigen Satzes."

Auch in Präsentation und Körperhaltung Stoibers hat Richling Fremdeinflüsse feststellen müssen. Die Diskrepanz zwischen Sein und Aussehensollen wächst.

"Ein Mann hat sich seinem Anzug angepasst", sagt Richling und meint: Ein eher Unbeholfener gibt den Souveränen. Nur in Ausnahmesituationen rutsche Stoiber ein kleines echtes Lächeln heraus oder aus Versehen eine wahrhaftig arglose Bemerkung. "Dann", sagt Richling, "ist er richtig süß."

Auch CDU-Dogmen lässt Stoiber über Bord gehen

Werden wie ein Kanzler. Der Kanzlerdarsteller Stoiber will nicht mehr der alte Streithammel aus dem Süden sein. Hört man ihn dieser Tage auf den Marktplätzen zu den Menschen der Republik reden, im dunklen Anzug, beschwörend, doch mit milder Stimme und moderater Diktion, scheint die Mutation vom bayerischen Kirchweih-Kämpen zum gesamtdeutschen Landesvater so gut wie vollzogen. Der Münchner Publizist Hannes Burger kennt Stoiber lange und schreibt seit Urzeiten jene Reden, in denen deutsche Politiker beim Starkbieranstich auf dem Münchner Nockherberg "derbleckt" werden. Ihm kommt dieser Stoiber, der da im Gewande des Kandidaten zu ihm spricht, fast vor wie eine elektronische Erscheinung. "Er ist von einem Korsett taktischer Rücksichtnahmen eingeschnürt", sagt Burger, "er ist nicht mehr er selbst, sondern die Inkarnation einer CDU/ CSU-Kompromissbildung." Der Bundes-Stoiber ist auf Harmonie bedacht, die ärgsten Fehler hat man ihm ausgetrieben, so verkneift er es sich nun, zu allem und jedem Stellung zu nehmen oder in jedem Satz ein Regierungsprogramm unterzubringen. Allenthalben schlägt er einen sozialdemokratischen Ton an ("Ich werde diese Politik für die Bosse nicht mittragen") und lässt - um neben Gerhard Schröder nicht ins Abseits zu geraten - auch Dogmen zeitweilig über Bord gehen, zum Beispiel die stets beschworene Treue zum transatlantischen Bündnispartner in der Auseinandersetzung mit dem Irak. 1976 schreibt Stoiber in seinem Buch Politik aus Bayern als Landtagsabgeordneter der CSU: "Wenn Mehrheiten durch Anpassung des eigenen Standortes an den Standort des politischen Gegners gewonnen werden, dann ist politisch ja im Grunde nichts erreicht worden. Es wäre naiv zu glauben, man würde dann bei Bedarf wieder zu dem selbstverschütteten Standort zurückkehren können."

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