Morgens vermittelt der Blick in den Spiegel einen ersten Eindruck davon, wie es geht. Gut oder gräulich. Das mag reichen, um die seelische Befindlichkeit zu bestimmen, medizinisch exakt ist es nicht. In Zukunft könnte sich das ändern, weil der holländische Philips-Konzern darüber nachdenkt, den Spiegel zum Multimedia-Display aufzurüsten. Gleichzeitig würde die Fußmatte im Badezimmer mit Sensoren ausgestattet, um verschiedene Daten wie etwa Körpergewicht, Puls oder den Augenhintergrund zu ermitteln. Diese würden dann über einen Computer an ein Display im Spiegel gefunkt, und sollten die Werte dramatisch sein, könnten sie per Telefon und Internet an den nächsten Arzt weitergeleitet werden, der schließlich über Bildtelefon im Spiegel des Patienten erscheint. Der Fremde im Badezimmerspiegel, er wäre im Ernstfall wohl willkommen.

Philips zählt hierzulande neben den deutschen Unternehmen Dräger und Siemens, Toshiba und Hitachi aus Japan sowie General Electric aus den Vereinigten Staaten zu den führenden Anbietern medizinischer Gerätetechnik. Zu ihrem Sortiment zählen unter anderem Röntgenapparate, Ultraschallgeräte oder Computertomografen. Damit erwirtschaften die Konzerne einen jährlichen Umsatz zwischen 6,5 und 7,5 Milliarden Euro und decken hierzulande zwischen 60 und 70 Prozent des Branchenumsatzes für medizinische Geräte ab, heißt es beim Forum Deutsche Medizintechnik, einer Kooperation verschiedener Fachverbände.

Deren Sprecher Hans-Peter Bursig betont jedoch, dass kleine und mittlere Unternehmen in der Entwicklung der Medizintechnik eine mindestens genauso wichtige Rolle einnähmen. Ihr Erfolgsrezept sei die Spezialisierung auf technische Nischen. Die Kleinen lebten dort von der "engen Verbindung mit den Ärzten und Krankenhäusern". Ob der Internist verfeinerte Messmethoden für die Venendiagnostik verlangt, die Gehirnstromanalyse für den Neurologen optimiert werden muss oder der Chirurg bessere Instrumente für die Elektrochirurgie erwartet, bei der die Operation mit Elektroden, Strom und Wärme statt mit dem klassischen Skalpell ausgeführt wird - der Dialog von Mediziner und Firma bestimmt die medizintechnische Entwicklung ganz wesentlich, so Bursig.

Ging es jahrzehntelang vor allem darum, die Behandlungsmöglichkeiten für die Ärzte zu verbessern, gewinnt die Frage nach den Kosten inzwischen an Gewicht.

"Nur wer mit seinen technischen Innovationen zu sparen hilft, wird sich behaupten", glaubt Bursig. Der Grund: Bevor niedergelassene Ärzte eine Neuerung flächendeckend einsetzen, warten sie darauf, dass sie von den gesetzlichen Krankenkassen zugelassen wird. Doch diese schauen genau, wie sich die Technik auf ihr Budget auswirken könnte. Auch Krankenhäuser verzichten angesichts ihrer Finanzlange immer häufiger auf Investitionen in eine neue Technik, und dieser Trend wird sich noch verstärken, sobald sie nur noch Pauschalen für ihre Dienste abrechnen können. Deshalb wird eine neue Technik immer häufiger unter dem Gesichtspunkt betrachtet, ob sie an anderer Stelle Kosten verringert. Zum Beispiel, indem der Patient früher entlassen werden kann.

Ein im Sinn der Kostenersparnis vielversprechender Markt ist der für Implantate, dessen jährliche Wachstumsraten bei über fünf Prozent liegen, schätzt der Bundesverband Medizintechnologie BV Med aus Berlin. Forscher suchen unter anderem nach Wegen, die Heilung von Gelenk- und Knochenbrüchen zu erleichtern und zu beschleunigen. Sie entwickeln Materialien aus abbaubaren Substanzen, so genannte Biomaterialien, weil sie sich von ihnen eine verbesserte Verträglichkeit für den menschlichen Organismus und eine höhere Haltbarkeit erhoffen. Bei der Verwendung von biologisch abbaubaren Polymeren zur Fixierung von Knochenbrüchen entfallen beispielsweise Folgeoperationen, wie sie zur Entfernung von Metallschrauben derzeit üblich sind. Die Innovation "Biomaterialien" rechnet sich also.

Im Zuge der technischen Entwicklung werden Geräte und Instrumente zunehmend kleiner, spezieller und schneller. So auch in der Operationstechnik: Mit miniaturisierten Werkzeugen und Sonden dringen die Chirurgen ins Innere des Menschen ein. Bei der Endoskopie werden sie durch einen Schlauch dorthin geleitet, wo die Operationen stattfindet, und der Chirurg lenkt die Instrumente mithilfe eines Computers. Die Instrumente für solche Eingriffe sind nicht viel größer als ein Bleistift, erläutert Klaus Hug, Geschäftsführer der Centerpuls Deutschland. Hug, dessen Unternehmen Computer zur Steuerung von Operationen entwickelt, schätzt, dass endoskopische Methoden erst in zehn Prozent der möglichen Fälle angewandt werden. In drei bis fünf Jahren, so seine Erwartung, könnten sie flächendeckend Wirklichkeit werden, ganz gleich ob bei Herz-, Knochen- oder Gehirnoperationen. Dann könnte ein Patient nach dem minimalinvasiven Einbau einer Knieprothese noch am selben Tag die Klinik verlassen, während er bei der klassischen Operation acht bis zehn Tage das Bett hüten müsse. Bei Meniskusoperationen sei heute bereits die endoskopische Reparatur Standard. Der Eingriff dauere nur noch rund 20 statt wie früher 45 Minuten. Dazu würde die Zeit der Nachbehandlung auf die Hälfte reduziert, so Hug, weil es keine Wunde gebe, die versorgt werden müsse. Da solche Verfahren den Patienten weniger belasten, sinken auch die Behandlungskosten.