Ein Gespenst geht um in Deutschland: das Gespenst der 68er. Was immer schief läuft und Sorgen macht, ob Pisa-Misere, ob Sozialstaatskrise, ob Scheidungsraten, ob Hochwasser in Sachsen - an allem trägt irgendwie, glaubt man den Kommentatoren der konservativen neuen Mitte, "68" die Schuld. Diese ebenso demagogische wie lächerliche Projektion zeigt indes noch auf ihre Weise die Bedeutung, die jene Zeit für die Republik hat. Was umso mehr überrascht, wenn man die Protagonisten betrachtet, die Studentenführer von damals.

In Deutschland - und wir erinnern uns, dass die Studentenrebellion global loderte von Berkeley bis Prag

am Wildesten trieben es in Paris die Franzosen - hieß der Star seit 1966 Rudi Dutschke, ein Berliner Soziologiestudent, 1960 aus der DDR geflüchtet. Allerdings war er bereits 1968, kurz vor Ostern, schwer verwundet worden bei einem Pistolenattentat auf dem Kurfürstendamm und musste deshalb ausscheiden aus dem Dienst an dem, was er und viele andere schon als Revolution verstanden. Es wurden in Berlin zwar noch einige andere Namen genannt (und von Axel Cäsar Springers Schreibern gern geschmäht), zum Beispiel die lustigen drei von der Kommune 1, Dieter Kunzelmann, Rainer Langhans und Fritz Teufel. Aber im Grunde war es, auch daran erinnern wir uns, eine eher egalitäre Studentenbewegung ohne große Einzelne.

Und doch gab es neben Rudi Dutschke noch einen, in Frankfurt. Die Stadt am Main wurde nach Berlin das andere Zentrum der Revolte

auf Platz drei dann Heidelberg. Hier, an der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität, hatte sich nach dem Krieg die (Soziologen-)Schule um Max Horkheimer und Theodor Adorno eingerichtet. Hier amtierte der Bundesvorstand des SDS, des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes, eines ursprünglich gut sozialdemokratischen Vereins, dem von 1947 bis 1948 Helmut Schmidt vorsaß. Und hier lebte seit 1965 auch Hans-Jürgen Krahl, der neben Dutschke zur anderen charismatischen Figur der Revolte werden sollte.

Universität, Frankfurter Schule und Hans-Jürgen Krahl waren eng miteinander verbunden, vor allem durch den aktiven Streik im Wintersemester 1968/69. Ein aktiver Streik von Studenten unterscheidet sich von einem normalen Studentenstreik dadurch, dass man nicht einfach wegbleibt, sondern Lehrveranstaltungen aktiv verhindert durch Störungen - Go-ins - und Diskussionen, den Zugang zu den Räumen versperrt oder ganze Institute besetzt. Es ging um die Mitbestimmung der Studenten in Gremien der Universität nach dem Vorbild von Berlin, wo man schon ein entsprechendes Gesetz (vorläufig) erlassen hatte. Eines der Ziele der Frankfurter Studenten war, das auch durchzusetzen am Institut für Sozialforschung, dem Tempel der Frankfurter Schule, wo Theodor Adorno noch lehrte und nebenan Jürgen Habermas, der als hoffnungsvolle Nachwuchskraft meist den lästigen Diskussionsdienst bei den Studenten übernehmen musste. Deren Forderungen waren völlig überzogen, gingen weit hinaus über die Regelung in Berlin.

Meister Eckhart und Roswitha von Gandersheim als Lehrer