Es hat wohl so kommen müssen: Zwei Kandidaten suchen die Entscheidung in der politischen Mitte. Beide vertrauen Entwurf und Überprüfung ihrer Programme Politdesignern und Gesprächen mit Fokusgruppen an - was konnte da anderes entstehen als politisches Gleichmaß? Sosehr die beiden nun beteuern, Deutschland stehe vor einer "Richtungsentscheidung von weitreichender Bedeutung" (Schröder) oder, etwas schlichter, vor einer "Richtungsentscheidung" (Stoiber) - in den wichtigsten Punkten gleichen sich die Programme der Kandidaten wie ihre Krawatten im Fernsehstudio.

Es ist ja wahr: Deutschland braucht Reformen auf dem Arbeitsmarkt, in der Steuer-, in der Gesundheitspolitik. Falsch hingegen ist die allgemein geäußerte Vermutung, Schwarz-Gelb werde auf diesen Feldern irgendetwas nennenswert anders machen als Rot-Grün. Hat der Wähler also am 22. September keine Wahl? Doch, es gibt durchaus Unterschiede zwischen den Kandidaten und ihren Plänen - nur liegen sie nicht auf den bekannten Schlachtfeldern dieses Wahlkampfes.

Dort ist, im Gegenteil, fast alles einerlei. Sicher, wer "Ich-AGs" und "Job-Floater" für unerlässlich hält, wird Rot-Grün wählen müssen - mehr Selbstständige und ein Investitionsprogramm für den Osten bekäme er aber auch bei Schwarz-Gelb. Bei den Steuern liegen die Versprechungen weit auseinander, die Wirklichkeit aber, der jede neue Bundesregierung am 23. September ins Auge zu sehen hätte, ist dieselbe, und darin ist für weitere Steuersenkungen kein Platz. In der Gesundheitspolitik wiederum sucht keines der beiden Lager den Konflikt mit kassenärztlichen Vereinigungen und Pharmaindustrie. Schon jetzt muss sich der Wähler daher auf höhere Kassenbeiträge einstellen.

In der Familienpolitik hat Rot-Grün insofern gerade nachgezogen, als seit dem jüngsten Fernsehduell nicht nur Stoibers "Familiengeld", sondern auch Schröders Kindergelderhöhung unter Finanzierungsvorbehalt steht. Sollte also die nächste Bundesregierung im Lotto gewinnen, kämen bei Rot-Grün pro Kind 200 Euro zur Auszahlung, bei Schwarz-Gelb hingegen bis zu 600 Euro. Wenn nicht, bleibt alles, wie es ist.

Aber gab es da nicht den Streit um das Zuwanderungsgesetz? Wohl wahr. Doch wer das kleinliche Genörgel der Union am rot-grünen Gesetz nachliest (Wer bezahlt den Integrationskurs?), der weiß: In Stoibers "Zuwanderungsbegrenzungsgesetz" stünde nicht viel anderes als bei Schily.

So viel zu den Gemeinsamkeiten. Gibt es denn nicht zumindest kleine Unterschiede? Doch, ein paar Bereiche sind der Gleichmacherei des Politmarketings glücklicherweise entgangen.

Zum Beispiel die Verkehrspolitik. Um der Blechlawine Herr zu werden, hat Rot-Grün nicht nur ein riesiges Straßenbauprogramm aufgelegt, sondern mit Investitionen in den Schienenverkehr und der geplanten Lkw-Maut vorsichtig gegengelenkt. Die Union hingegen sucht immer noch den Schulterschluss mit dem ADAC, wettert wider die "Verteufelung des Autos" und kündigt den Kunden der Bahn in schöner Offenheit an, sie hätten sich auf "erhebliche Umorientierungen" einzustellen: "Zahlreiche Nebenstrecken werden aufgegeben."