Ist die Große Koalition ein Thema? Die demoskopischen Daten der Vorwahlwochen sagen: Sie könnte eins werden. Sie könnte ein Thema werden, weil das Parteiensystem der Berliner Republik nicht mehr das der Bonner Republik ist. So richtig haben wir das noch nicht zur Kenntnis genommen. In der alten Bundesrepublik hatten wir uns an ein stabiles Dreiparteiensystem gewöhnt, zwei große Parteien, dazwischen eine kleine, die von den sechziger Jahren an nach beiden Seiten hin bündnisfähig und bündniswillig war. Daraus ergab sich eine einfache Koalitionsmechanik, eine klare Rollenverteilung. Die alte Bundesrepublik ist, wenn man vom ersten Jahrzehnt, in dem das Parteiensystem sich formierte, und der kurzen Übergangsphase der Großen Koalition absieht, von Zweierkoalitionen, Bündnissen einer der beiden großen Parteien mit der FDP, regiert worden.

Inzwischen haben wir es mit einem Fünfparteiensystem zu tun, das man stabil noch nicht nennen mag, aber von dem man nach einem Jahrzehnt doch jedenfalls sagen kann, dass es ephemer auch nicht ist. Die beiden großen Parteien können nach wie vor mit etwa 75 Prozent der Wählerstimmen rechnen - das ist, unter Bedingungen des Verhältniswahlrechts, eine bemerkenswerte Zahl, aber es sind nicht mehr die 90 Prozent der siebziger Jahre. Den Rest teilen sich, von Außenseitern abgesehen, die drei kleineren Parteien FDP, Grüne und PDS.

Diese Konstellation reduziert die Wahrscheinlichkeit, dass Zweierbündnisse alten Typs Mehrheiten gewinnen können, drastisch. Schon 1994 und 1998 ist ihnen das nicht mehr gelungen. Die letzte Regierung Kohl stützte sich auf 48,4 Prozent der Wähler, hinter den drei Oppositionsparteien standen 48,1 Prozent die rot-grüne Koalition verdankt ihre parlamentarische Mehrheit nur noch 47,6 Prozent. Dass es - gerade eben - doch noch zu parlamentarischen Mehrheiten reichte, ist besonderen Umständen zuzuschreiben, Überhangmandaten, relativ hohen Stimmanteilen für Parteien, die an der 5-Prozent-Hürde scheiterten.

Die Frage, welche Koalitionsmöglichkeiten das Parteiensystem denn sonst noch hergibt, ist mithin alles andere als akademisch. Bündnisse mit zwei kleineren Partnern könnte allenfalls die SPD schließen, entweder mit den Grünen und der PDS oder den Grünen und der FDP. Daraus, dass die Beteiligten von solchen Bündnissen im vorhinein lauthals nichts wissen wollen, muss man nicht schließen, dass sie sie im Fall des Falles nicht in Erwägung ziehen würden.

Aber dass man sich von diesen Dreierbündnissen handlungsfähige Regierungen erwarten dürfte, wird niemand ernstlich behaupten. Selbst an der Aufgabe, ein Bundesland zu regieren, sind die wenigen Ampelkoalitionen, mit denen man es versucht hat, ziemlich kläglich gescheitert. Die Große Koalition stellt sich dem nüchternen Betrachter also als die einzige ernsthafte Alternative zu den drei denkbaren Zweierbündnissen Rot-Grün, Schwarz-Gelb und Rot-Gelb dar.

Dass die Große Koalition in den Verhältnissen der Berliner Republik unausweichlich in einem Sinne werden könnte, in dem sie es in der Bonner Republik nie war, ist eine Sache. Ob sie wünschenswert sei, eine ganz andere.

Idealtypisch kann man zwischen Großen Koalitionen als auf Dauer angelegten Strukturen des Regierens - nach dem Muster etwa der Schweiz - und Großen Koalitionen als befristeten Krisenbündnissen unterscheiden. Wann immer in der Bundesrepublik für die Große Koalition plädiert wurde, ging es um die zweite Variante, lautete das Argument: Es gebe dringliche Aufgaben, Aufgaben, die um der Zukunft des Landes willen bewältigt werden müssten und nur von einer Großen Koalition bewältigt werden könnten. So ließe sich auch jetzt argumentieren.