Leuchtende Fehlleistungen. Am Anfang seiner großen Rede in der Münchner Olympiahalle sagt Edmund Stoiber einen wunderbaren Satz: "Die CSU ist näher am Menschen als jede andere Partei in diesem Land mit weitem Abstand!" Im Redemanuskript stand nur: "Die CSU ist näher am Menschen." Aber Stoiber hat getan, was er oft tut: Er treibt die Sprache in eine Genauigkeit, zu der bislang nur Karl Valentin vordrang. Näher dran am Menschen mit weitem Abstand: Formuliert dieser Satz nicht trefflich die Tragik des nervösen Charakterdarstellers Edmund Stoiber?

Auch den Kanzler hat der Rezensent kürzlich bei einer sprachlichen Fehlleistung erleben dürfen, welche die Wirkung des Mannes zusammenfasst. Auf dem Bremer Domshof sagte Gerhard Schröder im Zusammenhang mit der Irak-Frage: "Niemand soll sich unter den Bündnispartnern über mangelnde deutsche Solidarität beklagen müssen - jedenfalls nicht, solange wir reden - äh - regieren!" Tatsächlich: Wenn Schröder redet, mit dieser gesalbten Stimme, mit seinen schweren, schöpfenden Armbewegungen, dann wird Reden Regieren, und den Zuschauern ist der Werkstoff körperlich wahrnehmbar, mit welchem der gedrungene Herr da oben arbeitet: Sein Material ist die Macht.

Showblöcke. In der Münchner Olympiahalle singen wir an diesem wunderschönen Samstagvormittag zwei Hymnen hintereinander, erst das Bayern- und dann das Deutschlandlied. Wir singen stehend und sehen auf einer Leinwand Luftbilder bayerischer Landschaften, von Hubschraubern einfühlsam überflogen, damit wir wissen, worum es geht. Das alles muss bewahrt werden, und das wird bewahrt werden: Wenn in der Halle der Name des harten, aber sicherlich gerechten bayerischen Innenministers Günther Beckstein genannt wird, erfasst die Menge eine euphorische Rührung.

Soeben betritt, umringt von befreundeten Sicherheitsleuten, der Kanzlerkandidat nebst Gattin und CDU-Chefin Angela Merkel das weite Rund, die Menschen toben, ein Disco-Chor heult Ready for the victory, Scheinwerferkegel tanzen, jetzt hat der Kandidat sein Kompetenzteam erreicht, herzliche Begrüßung, Jubel. Diese Minuten wirken wie der rückwärts abgespulte Schlussausmarsch einer aus allen Nähten geplatzten Samstagabendshow: Die nachfolgenden Sendungen werden sich um eine Stunde verzögern. Das Ende der Veranstaltung ist auf 14 Uhr angesetzt, tatsächlich dauert sie bis 15 Uhr, was sich rumsprechen soll: Stoiber hat eine Stunde überzogen! Er ist größer als Gottschalk.

Auf der Bühne steht Stoiber dann fast linkisch neben dem adretten TV-Moderator Kai Pflaume, kein Tribun, sondern ein blinzelnder Saalkandidat, der unverhofft die Eine-Million-Euro-Frage beantworten soll. Pflaume fragt aber nur: Woraus bestand es denn nun, das Wolfratshausener Frühstück mit der Frau Merkel? Da muss Stoiber gschamig lachen, und seine Gattin sagt, es sei ein ganz normales Frühstück gewesen mit Marmelade, und mit Butter natürlich.

Der fesche Mathou singt You Never Walk Alone, und ein BMW-Roller muss noch verlost werden. Man spürt, wie unangenehm Stoiber das alles findet, er ist hineingeraten in diese Vermählung mit der Macht, nun muss er mitmachen, vom Polterabend bis zur Brautsentführung. Als er am Ende auf der überfüllten Bühne steht, mit einem Becher Bier, schaut er drein, als halte er im Gewimmel immerzu seine Brieftasche fest. Er geht in die Menge, aber er kann nicht in ihr baden. Das macht ihn seinen Anhängern sympathisch, denen geht's im Umgang mit der Jugend und dem Erotischen genauso: Es macht sie unbeholfen. In seiner Ich-mach's-haltmit-Haltung ist Stoiber echt. Er beobachtet sich und ist sich peinlich. Schröder ist über so etwas weit hinaus.

Der Wiener Kritiker Hans Weigel schrieb: "Um Theater zu spielen, muss man also zunächst: sein können, wie man ist. Gehen, stehen, aufstehen, hinsetzen, Türen öffnen und schließen, alles das, was jeder immer tut, wird zum Problem, wird bewusst und muss auf der nächsthöheren Ebene wieder selbstverständlich werden. Das ist das kleine Einmaleins."