Zwei Gebäude, eine Geschichte. Seit dem ersten Tag ihrer Erbauung stehen der Reichstag in Berlin und das Reichsgericht in Leipzig wie älterer und jüngerer Bruder für die Irrungen und Wirrungen deutscher Entwicklung: 1894 und 1895 errichtet als Symbole der Reichseinheit, waren sie Orte des Versagens in der Weimarer Republik. Abgebrannt und kriegszerstört, wurden sie nach 1945 halbherzig musealisiert und sind nach 1989 wiederauferstanden aus Ruinen: Arbeitsstätten neuer demokratischer Einheit.

Einmal, 1933 im Herbst, fiel auf beide zugleich das Licht der Weltöffentlichkeit. Im Reichsgericht wurde der Brand des Reichstags verhandelt. Georgi Dimitroff, ein unbekannter bulgarischer Kommunist, blamierte Göring, den zweiten Mann der Nazis, preußischen Innenminister und Reichstagspräsidenten. Die Konfrontation des wutschäumenden Nazis mit dem selbstbewussten Angeklagten war für zwölf Jahre die letzte (publizistische) Niederlage der Nationalsozialisten.

Musterbeispiel des Historismus

An diesem Donnerstag wird nun das alte Leipziger Reichsgericht in einem Festakt in Anwesenheit des Bundespräsidenten und aller hohen Richter seiner neuen Bestimmung übergeben. Es dient dem Bundesverwaltungsgericht, das seit 1953 in Berlin residierte, als neuer Dienstsitz. Damit ist einer der letzten großen Umzüge einer Bundesinstitution nach der Wiedervereinigung vollzogen.

Frisch saniert und milde in der Spätsommersonne leuchtend, liegt das Bundesverwaltungsgericht vornehm etwas zurückgesetzt und wie über die Schulter blickend der alten Leipziger Innenstadt gegenüber. Über dem gewaltigen Portikus des Haupteingangs glänzt der neue Name in goldenen Lettern. Wer das Reichsgericht aus der Zeit kennt, als dort "Dimitroff-Museum" (1952 bis 1989) oder "Museum der bildenden Künste" (1991 bis 1997) angeschrieben war, reibt sich die Augen. Den ehedem von Braunkohleruß versifften schwarzen Koloss haben sächsische Gebäuderestauratoren in einen matt sandfarbenen Bau verwandelt, der alle Spuren der Geschichte abgestreift zu haben scheint. So idyllisch sieht es jedenfalls von weitem aus, wenn man erhöht vor dem Neuen Rathaus steht und hinüberblickt auf die wieder frei fließende Pleiße und das Gericht, das als erstes Gebäude die Phalanx der historistischen Kulturbauten im Musikviertel anführt.

Überquert man den weitläufigen Vorplatz und tritt nahe heran, bemerkt man an der gereinigten Fassade die "ästhetisch unbefriedigende Fleckigkeit", die manche Denkmalschützer bemängeln. Die Nischen in den Türmen seitlich des Eingangsportikus stehen leer: Sorgfältig haben hier DDR-Restauratoren die Statuen der Kaiser Wilhelm I. und Wilhelm II. entfernt, sie passten nicht zum Denkmal der kommunistischen Arbeiterbewegung. Innen jedoch, im großen Plenarsaal, in dem seinerzeit Göring und Dimitroff zusammenstießen, hängen die Kaiserporträts einträchtig an der Wand.

Mehrfache Ironie der Geschichte: Um dieses "Allerheiligste eines wunderlichen Heiligtums" (Wolfgang Werth), die Erinnerungsstätte an das letzte große Aufbegehren gegen den Nazismus, zu bewahren, mussten die DDR-Oberen möglichst viel von dem durch Bomben zu 35 Prozent zerstörten Haus erhalten. Damit erging es dem Hort der Klassenjustiz besser als vielen anderen historisch bedeutsamen Gebäuden Leipzigs: Das nur wenig beschädigte Alte Gewandhaus fiel der parteiproletarischen Zerstörungswut ebenso anheim wie die Paulinerkirche einige hundert Meter weiter am Augustusplatz.