Die schönste Frau des Dorfes

die zeit: Was muss man heutzutage wissen?

Rüdiger Hossiep: Das weiß keiner.

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zeit: Wie konnten Sie dann einen Test entwickeln, der das Wissen misst?

Hossiep: Durch systematisches Experimentieren. Meine Mitarbeiter und ich haben in Lexika, Schulbüchern und anderen Quellen nach Fragen gesucht, mit denen man zum Beispiel das Wissen über Biologie und Chemie prüfen kann. Diese Fragen haben wir dann mehreren tausend Testpersonen gestellt. Fragen, die keiner, und solche, die jeder beantworten kann, wurden aussortiert. Für die übrigen Fragen kennen wir nun den Schwierigkeitsgrad. Unser Test misst also das Wissen eines Menschen im Vergleich zum Wissensstand der anderen.

zeit: Gab es Überraschungen bei den Vortests?

Hossiep: Ja. Viele Fragen, die vermeintlich das Wissen in einem Gebiet testen, sind unbrauchbar. Diejenigen etwa, die alea iacta est ins Deutsche übersetzen können ("Der Würfel ist gefallen", Anm. d. Red.), verfügen über vergleichsweise rudimentäre Lateinkenntnisse. Die Redewendung taucht in jedem Asterix-Heft auf.

zeit: Wissen veraltet sehr schnell. Ihr Test mutet anachronistisch an.

Hossiep: Irrtum! Nur das Expertenwissen altert enorm schnell. Das Allgemeinwissen ist weitaus haltbarer. Deswegen gewinnt es sogar an Bedeutung. Ein solides Allgemeinwissen ist die Basis der Kommunikation und deshalb auch zur Erschließung immer neuen Spezialwissens unerlässlich.

zeit: Aber durch das Internet ist doch das Wissen der Welt jederzeit verfügbar.

Hossiep: Nur für diejenigen, die schon über Wissen verfügen. Eine gute Allgemeinbildung wirkt wie ein Filter, der Wichtiges von Unwichtigem trennt.

Das Internet macht also nur die Schlauen schlauer, die Dummen macht es dümmer - wer hat, dem wird gegeben.

zeit: Im Fernsehen, in Zeitschriften und im Internet haben Wissenstests Konjunktur. Wie erklären Sie sich das?

Hossiep: Menschen haben ein tiefes Bedürfnis nach sozialen Vergleichen. Wie schneide ich relativ zu anderen ab?

zeit: Das ist nichts Neues.

Hossiep: Neu ist die Unübersichtlichkeit. Früher war die schönste Frau des Dorfes die schönste Frau der Welt, Wissenschaftler nennen das den Dorf-Venus-Effekt. Heutzutage sucht man andere Wege, um die eigene Person in die Welt einzuordnen.

zeit: Sie beraten auch Führungskräfte der Wirtschaft. Welche Rolle spielt Allgemeinwissen für die Karriere?

Hossiep: Ohne eine breite Wissensbasis kann kein Manager komplexe Probleme schnell und ohne Umwege lösen, und das wird von ihm erwartet. Aber auch für den Aufstieg ist eine gute Allgemeinbildung hilfreich. Oft sind informelle Gespräche entscheidend. Wer sich mit dem Chef über Shakespeare oder Sloterdijk unterhalten kann, der gehört zum Club.

zeit: ... wenn er dazu noch golfen und Klavier spielen kann.

Hossiep: Das stimmt natürlich. Um nach ganz oben zu gelangen, reicht Wissen allein nicht aus. Da ist vielfach der klassenspezifische Habitus entscheidend, der sich schon im Elternhaus herausbildet. Ein Aufsteiger aus einfachen Verhältnissen kann das nur schwer nachholen. Aber man sollte sich auf das konzentrieren, was man ändern kann - und Wissenslücken aufspüren, um sie zu schließen, das kann jeder.

 
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    • Quelle DIE ZEIT, 38/2002
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