Kabul

Eine bestimmte Frage wirkt auf Rohullah Hamdard, als hätte man in seinem Hirn eine Taste gedrückt: "Warum haben Sie sich zur Armee gemeldet?" - "Ich will meinem Land dienen: Afghanistan!"

Egal, wann und wo man Hauptmann Hamdard die Frage stellt, in einem Restaurant, vor der Kaserne, über einem Glas Tschai in einer der Kabuler Teestuben, Hamdard wird wie vom Band abgespult sagen: "Ich will meinem Land dienen: Afghanistan!" Danach zieht er ebenso unvermeidlich ein Gesicht, das sagen soll: Was für eine dumme Frage! Man wird das Gefühl nicht los, Rohullah Hamdard dresche eine Phrase. Aber Hamdard meint offensichtlich ernst, was er sagt. Nur: Was ist dieses Afghanistan eigentlich, dem er dienen will?

Diese Frage haben sich auch die amerikanischen Offiziere gestellt, als sie darangingen, die ersten Soldaten für die neue afghanische Armee zu rekrutieren. Die nahe liegende Antwort: Afghanistan ist ein Land, das von vielen Völkern bewohnt wird, die sich in der Vergangenheit teilweise heftig bekämpft haben. Um Frieden zu schaffen, müsste man also eine Armee aufbauen, die alle Ethnien einschließt. Die Ausschreibungen wurden bis in die hintersten Winkel des Landes verbreitet, mit Flugblättern, über das Radio, vor allem aber via Mundpropaganda. Die neue Armee entstand zunächst auf dem Reißbrett. Afghanistan war nach dem Zusammenbruch des Taliban-Regimes eine Tabula rasa.

Als Hamdard hörte, dass Soldaten und Offiziere für die neue Armee gesucht wurden, bestieg er in seiner nördlichen Heimatprovinz Kunar den Bus und fuhr viele Stunden lang nach Kabul. Er meldete sich beim Rekrutierungsbüro des Verteidigungsministeriums. Sie nahmen ihn sofort. Denn Hamdard besaß beste Voraussetzungen. Er hatte schon Ende der achtziger Jahre die Militärakademie in Kabul absolviert. Dorthin kehrte er nun zurück, um sich wieder fit machen zu lassen. Die Akademie ist heute freilich nur mehr ein Schatten ihrer selbst. Die meisten Gebäude sind zerstört, der Rest, einschließlich des Übungsgeländes, ist verwahrlost, ein struppiges Stück Erde, über dem der Wind tagaus, tagein Staub aufwirbelt.

Was hat sich alles geändert in den vierzehn Jahren, seit der 35-jährige Hamdard zum letzten Mal vor der Militärakademie stand! Ende der achtziger Jahre lehrten sowjetische Offiziere Hamdard das Kriegshandwerk. Die Sowjets hatten beschlossen, sich nach zehnjähriger Besetzung aus Afghanistan zurückzuziehen. Sie hatten den Krieg gegen die Mudschaheddin verloren. Offen zugeben wollten sie das nicht. Um ihre Niederlage zu kaschieren, hinterließen sie ein Regime unter dem Präsidenten Dr. Mohammed Nadschibollah. Ihm gaben sie eine Armee in die Hand. Auch sie sollte Afghanistan dienen und sonst niemandem. Das war zumindest die offizielle Version. Und es war auch Rohullah Hamdards Überzeugung, dass er auf diese Weise seinem Land den besten Dienst erweisen konnte. Er war damals in Dschalalabad stationiert, im Osten Afghanistans. Die Kämpfe dort tobten besonders heftig. Nadschibollahs Regierung fiel schließlich 1992. Die Mudschaheddin zogen siegreich in Kabul ein.

Hamdard quittierte den Militärdienst. Was er dann in Kabul mitansehen musste, dürfte ihn im Nachhinein in seiner Entscheidung für Nadschibollahs Armee bestärkt haben: Die Mudschaheddin legten Kabul in Schutt und Asche, weil keiner von ihnen die Macht teilen wollte. Sie schwächten einander, die Stadt und das Land so lange, bis es wie eine trockene Frucht in die Hände der Taliban fiel. Als die Taliban 1996 in Kabul einmarschierten, holten sie Nadschibollah aus dem UN-Gelände, wo er seit vier Jahren unter dem Schutz der Vereinten Nationen gelebt hatte. Sie kastrierten ihn und hängten ihn an einem Laternenpfahl auf. Für Hamdard war es Zeit, die Stadt zu verlassen.