Am Ende sieht man in eine Rumpelkammer, erblickt den wahren Aufruhr der Dinge, eine Unordnung, die wohl tut. Zuvor war alles so proper chaotisch, so makellos verrückt gewesen, man war vorbeigezogen an Glitzermodellen, an edlen Fotos und Plänen, an Museen, Hochhäusern, Einkaufszentren, aufgehoben in einem endlosen Ausstellungsfluss. Hier ströme die Zukunft, hatte es geheißen, eine Zukunft, die sich dem Ungestümen weiht, den entfesselten Formen. Gern hätten wir gestaunt, hätten die über 100 Überschwangsbauten bewundert, diese Kabinettstückchen im Anflug auf die Gegenwart. Wir sehen das Ungesehene und werden Zeuge eines architektonischen Wagemuts, den es in dieser Unbedingtheit wohl noch nie gegeben hat. Und doch bleibt ein ungutes Gefühl: Man schlägt sich den Leib voll mit lauter Besonderheiten, die innere Leere aber wächst und wächst.

Venedigs Architekturbiennale, immer noch die wichtigste ihrer Art, hat sich in diesem Jahr in eine Art Kaufhaus verwandelt. Dargeboten werden ästhetische Köstlichkeiten, gut abgepackt in Plexiglas, eingehüllt in schmeichelndes Scheinwerferlicht. Keine Frage, keine These hat den Einrichter dieser Biennale, den Engländer Deyan Sudjic, geleitet, er will nur vorführen, was ohnehin schon auf dem Weg ist - alle gezeigten Projekte werden tatsächlich gebaut. Die Zukunft, die man uns hier unter dem Titel Next verabreicht, ist also in Wahrheit schon Gegenwart, sie ist gesichert, abseh- und vorzeigbar.

Bloß keine Verunsicherung, nichts Utopisches, lieber redet man sich ein, dass auch das Morgen sein wird wie heute, dass alles weitergeht wie immer, selbst wenn die alten Gewissheiten aufweichen. Der 11. September ist nur noch Fußnote.

Die Ausstellung soll Optimismus schüren, sagt Sudjic im Katalog, und deshalb wohl kommen bei ihm Afrika und Indien nicht vor, auch über die arabischen Länder geht er großzügig hinweg. Nicht Schulen, Kindergärten, Altenheime, nicht die Schwachen und Armen interessieren ihn, stattdessen zeigt er die bilbaohaften Arenen der Kultur- und Konsumgesellschaft und inszeniert sie als Kunstwerke. Wie Sicherheitsschleusen legen sich weiße Ausstellungskojen um die Modelle und entrücken diese in eine aseptische White-Box-Wirklichkeit.

Sicher, daran kann man sich erfreuen. Der Bildersturm, den die Biennale vor zwei Jahren entfachte, ist von Sudjic gebändigt worden, er verzichtet auf schrille Videos, hochgestochene Computerspielerei, und zeigt viele furiose Vorhaben. Doch raubt er der Architektur den Zusammenhang, weil er die Fragen nach der Stadt, nach dem öffentlichen Raum, nach der Landschaft unterbelichtet. In seiner Architektenwelt gibt es keine Zweifel, keine Probleme, man lebt im hehren Kosmos des Ästhetischen.

Nur ganz am Ende des Parcours in den alten Arsenale-Hallen öffnet sich doch noch ein Fenster auf die Wirklichkeit. Mehr durch Zufall blickt man hinein in diese vergessene Kammer, sieht rostiges Gestänge, Glasscherben, Holzbalken im simmernden Licht - und man spürt, dass in einem Resteraum wie diesem weit mehr Leben aufgehoben ist als in den Kraftarchitekturen des Deyan Sudjic.

Zum Glück aber gibt es ja noch - wie auf jeder Venedig-Biennale - die vielen Pavillons, in denen rund 30 Staaten in Eigenregie vorführen, was sie unter Next verstehen. Die Einförmigkeit des Unförmigen weicht hier einer erfreulichen Vielfalt: Finnland boykottiert die Zukunftsfreude und besinnt sich aufs Vornächste, Österreich räumt den Eigenbrötlern viel Raum ein, Holland nutzt seinen Pavillon nur zur einfallsarmen Selbstvermarktung. Bei allen Unterschieden aber begreifen doch erstaunlich viele Nationen die Biennale als Freiraum, um Dinge zu erproben, die im Alltag nicht denkbar sind. Spanien etwa lädt uns ein, die inneren Landschaften der Architektur zu erkunden: Den Garten der Lüste von Hieronymus Bosch, ein turbulentes Traumbild voller Hülsen und Ausgucke, hat man ins Lebensechte vergrößert und auf den Fußboden des Pavillons gelegt, sodass wir das Gemälde tatsächlich betreten. Wie Öffnungen hinab in eine tiefere Welt wirken auch die auf dem Boden verstreuten Bildschirme, auf denen jüngere Architekten ihre Träume vom gebauten Eden auffächern.