Sechs Jahre hofften Barbara Sander und ihr Mann vergeblich auf Nachwuchs.

Als sie sich an eine spezielle Kinderwunschpraxis wandten, waren sie wenig optimistisch. Die Sanders wussten, dass eine Sterilitätsbehandlung häufig nicht klappt. Was sie nicht wussten: dass sie mitunter zu häufig klappt.

Schon bei der ersten Ultraschalluntersuchung entdeckte der Frauenarzt drei Fruchtblasen. Kurze Zeit später fand der Mediziner einen vierten Fötus. Und als Barbara Sander erneut untersucht wurde, schaute der Arzt besorgt. "Was ist", fragte die Schwangere, "wie viele von den vieren leben noch?" - "Alle", sagte er. "Doch es sind nicht vier. Es sind fünf." Für Barbara Sander begann ein Albtraum.

Mehrlinge sind eine Nebenwirkung der Fortpflanzungsmedizin - und eines ihrer größten Probleme. Denn der weibliche Körper ist darauf ausgerichtet, dass meist nur ein Kind in ihm wächst. Eine Mehrlingsschwangerschaft kann dramatische Folgen haben: Häufig kommt es zu Aborten oder Frühgeburten, auch das Risiko für Behinderungen steigt bei Mehrlingskindern. Und fällt - wie bei Barbara Sander - die Entscheidung, einen Teil der Kinder im Mutterleib zu töten, damit die anderen eine Überlebenschance haben, leiden die Frauen oft unter jahrelangen Depressionen.

Den Begriff "selektiver Fetozid" hörte Barbara Sander erstmals, als die vierte Fruchtblase entdeckt wurde. Als schließlich der fünfte Embryo zum Vorschein kam, lautete die Frage nur noch: Sollen zwei oder drei getötet werden? In der Bonner Klinik plädierten die Ärzte für den dreifachen Abort.

Die Erlebnisse, die nun folgten, suchen Barbara Sander noch häufig im Schlaf heim. Um die Gefahr einer vollständigen Fehlgeburt zu minimieren - sie liegt pro Eingriff bei 10 bis 20 Prozent -, musste zwischen den Abtreibungen je eine Woche vergehen. Zweimal erlebte sie die Prozedur bei vollem Bewusstsein.

Dabei wird die Nadel durch die Bauchdecke in die Gebärmutter der Schwangeren gestoßen. Mithilfe des Ultraschalls findet sie ihren Weg ins schlagende Herz des Fötus und spritzt eine Kaliumchloridlösung hinein. Nach einigen Momenten hört es auf zu schlagen.