Bloß keine Tränen! Das Duell ist ein neues Format, das bleiben wird. Kein Weg führt dahinter zurück. Schließlich: Mit Gerhard Schröder hat die Bundesrepublik bereits den ersten Kanzler, über den das Fernsehen mindestens vorentschied. Als Oskar Lafontaine 1998 das Rennen um die Kandidatur aufgab, lautete sein Argument, gegen die Gesetze der Fernsehdemokratie sei kein Kraut gewachsen. Eine gewisse Pointe wäre es schon, wenn auch die Runde im Jahr 2002 vom Medium Fernsehen mit einem Punktsieg für den Amtsinhaber beendet würde - wofür einiges spricht.

Den Geist bekommt man nicht mehr in die Flasche zurück. Gut so! Zum Teufel mit all der Kulturkritik am Nullmedium. Unübersehbar treiben die Duelle nur den Systemwechsel auf die Spitze, den wir erleben. Duelle sind neu, aber nicht revolutionär. Wirklich folgenreich ist, dass sich Politik stärker ins Fernsehen verlagert und wie das geschieht. Schröder hat eine Entwicklung, die ohnehin kommt, antizipiert. Sicher dachte er dabei auch an sich. Aber davon einmal abgesehen: Mit seiner Annahme liegt er nicht schief, dass die klassische Parteiendemokratie erodiere und an deren Stelle so etwas wie eine "präsidentielle Demokratie" treten werde.Es wäre zu schlicht, das einfach auf die Eigendynamik der Medien zurückzuführen und über die "Personalisierung" zu klagen. Denn dass es auf den Kanzler ankomme, ist nicht nur ein Eindruck, den das Fernsehen vervielfacht. Die Regierungszentralen gewinnen tatsächlich noch mehr Gewicht - ein Teil der "Macht" wandert zwar aus, ein Teil aber verlagert sich vollends dorthin.

Es erscheint ratsam, sich auf die Fernsehdemokratie offensiv einzustellen.

Sicher, das Duell, das als Endspiel firmiert, wird zu etwas stilisiert, was es nicht sein darf und kann. Und die Abwahl einer Regierung oder einen Machtwechsel als finales TV-Event in Szene zu setzen kann nicht das letzte Wort sein. Zur Dialektik des neuen Systems gehört aber, dass es seine Gegengifte selbst produziert. Das ist das Beruhigende daran.

Spätestens vor der Kamera in der Schlussrunde wird dann doch nach den politischen Differenzen gefragt, auch wenn sie sonst so gerne in der diffusen Mitte vertuscht und verschwiegen werden. Die Repolitisierung, wie sie die Politik selber betreibt, und eben nicht nur "das Fernsehen", erfolgt gleichsam durch die Hintertür. Das Publikum führt ein Eigenleben: Nur mit Inszenierung, und sei sie in Sachkompetenz gewandet, findet es sich am Ende nicht ab. Die "präsidentielle Demokratie" ersetzt nicht Politik. Auf der anderen Seite hat auch das Medium etwas zu lernen. Unterhaltung kann Politik nicht kompensieren. Wie vor allem Sabine Christiansen beim letzten Duell gezeigt hat, ist der TV-Talk eine Chance, die sich zu gutem politischen Fernsehjournalismus durchaus nutzen lässt. Den allerdings braucht es dringender denn je. Nein, Fernseh-Talkshows sind nicht das Ende der Demokratie. Nur dürfen sich die Journalisten aus Angst, Politik sei aus der Mode, dabei nicht selbst enthaupten. Gunter Hofmann