die zeit: Seit den Anschlägen vom 11. September ist ein Jahr vergangen, und die Sicherheitsbehörden warnen: Der nächste Angriff könne ein elektronischer sein. Haben sie Recht?

David Lyon: Natürlich gibt es Gefahren für unsere digitale Infrastruktur. Für mich sind aber diese Warnungen auch ein Zeichen dafür, dass wir bei der so genannten Verteidigung unserer Heimatfront zweifelhaften Interessen aufgesessen sind: In Washington und anderen Hauptstädten der Welt laufen ja gewaltige Anstrengungen, um den Politikern immer neue, teure technische Schutzmaßnahmen aufzuschwatzen. Zum Sichern von Computersystemen, zur Kontrolle von Finanzströmen, zum Erkennen von Gesichtern an Flughäfen, zur Überwachung des Internet ...

zeit: Das ist doch verständlich, neue Gefahren brauchen eine neue Gegenwehr.

Lyon: Ach, seit dem 11. September reden alle davon, dass die Welt eine völlig andere geworden sei. Aber nüchtern betrachtet, haben die gleichen Firmen schon immer versucht, diese gleichen Technologien an den Mann zu bringen.

Seit 30 Jahren erlebt die Überwachungstechnik ein massives Wachstum, das ging mit der Ausbreitung der Computernetze, der Zunahme elektronischer und grenzüberschreitender Transaktionen einher. Leben wir dadurch sicherer? Ich glaube kaum. Wir leben im Zeitalter der Globalisierung: durchlässigere Grenzen, mehr Austausch von Informationen, Menschen und Waren um die Welt.

Das alles trug zu den Anschlägen vom 11. September bei und überfordert jedes Überwachungssystem.

zeit: Waren die Systeme im Fall des 11. September wirklich überfordert? Es sind ja später alle möglichen Schnipsel aufgetaucht, ignorierte Erkenntnisse, Suchbefehle, sogar Fotos der Hijacker von Überwachungskameras in Banken und Supermärkten. Hätte man das Puzzle nicht rechtzeitig zu einem Bild zusammensetzen können?