Who'll pay reparations on my soul?", fragte der schwarze Poet und Sänger Gil Scott-Heron 1972. In der Zeit der Black-Power-Bewegung wollte er sich nicht mit Dollars und gut gemeinten Worten abspeisen lassen. Dreißig Jahre später greift eine junge scharfzüngige Afroamerikanerin Gil Scott-Herons Botschaft wieder auf, garniert sie mit Details ihres bisexuellen Liebeslebens und unterlegt ihre Polemiken gegen politisch korrekte Heucheleien aller Couleur mit sexy pulsierenden Basslinien.

Keine Frage: Me'shell Ndegeocello hat mit Cookie: The Anthropological Mixtape (WEA/Maverick 9362-47989-2) ein Album gemacht, das ihre Neo-Soul-Kolleginnen Erykah Badu, Alicia Keys oder Jill Scott wie biedere Kaffeetanten aussehen lässt. Die glatzköpfige Bassistin, Sängerin und Autorin aus Washington, D.

C., hat sich dem Funk verschrieben - nicht dem unverbindlichen Get On Up-Gestammel eines James Brown, sondern einer politisierten Variante, die jede Trennung von Schlafzimmer- und Gesellschaftspolitik ablehnt.

Ndegeocello, deren Suaheli-Name "Frei wie ein Vogel" bedeutet, kehrt auf ihrem vierten Album ihr Innerstes nach außen wie nie zuvor.

Angriffslustig schon die ersten Zeilen: "You sell your soul like you sell a piece of ass". Der dazugehörige Song nennt sich Dead Nigger Blvd. Was nützt es, Straßen nach toten schwarzen Politikern zu benennen, wenn deren Enkel darauf ihre drogenfinanzierten Limousinen spazieren fahren? Und an den Männlichkeitswahn der HipHopper adressiert: Wie kann man die Faust recken für die schwarze Sache, während man seine schwulen Brüder und Schwestern mit Füßen tritt? Cookie schließlich packt alle Facetten einer komplizierten Persönlichkeit in ein ebenso kompliziertes musikalisches Bett. Die meisten Zeitgenossen würde die Kombination von Politaktivismus, lesbischem Sex-Talk und Seelenpoesie wohl hoffnungslos überfordern. Me'shell Ndegeocello dagegen lässt all diese Elemente mit leichter Hand über HipHop-Beats, Rock-Gitarren, Soul-Chören und Jazz-Arrangements ebben und fluten. Aus dem Off kommentieren ihre geistigen Lehrmeister. Die gesampelten Stimmen von schwarzen Bürgerrechtsaktivisten wie Dick Gregory, Angela Davis und Gil Scott-Heron legen Zeugnis ab, verweben sich immer wieder mit Ndegeocellos eigenem Sprechgesang, zapfen eine Vergangenheit an, die die vermeintliche Einzelkämpferin als Erbin lange verschütteter afroamerikanischer Traditionen ausweist: eine albumlange Wiedergutmachung für den leicht verdaulichen Brei, der sich heute Rhythm 'n' Blues nennt.