Geladen war zum brown bag lunch. Doch niemand musste seinen Imbiss in braunen Papiertüten mitbringen, wie das in den USA üblich ist. Die Brötchen lagen abgezählt auf einem Silbertablett bereit. Was da stattfinden sollte in den feinen Räumen der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) im Berliner Stadtteil Wilmersdorf, hieß "Politikberatung": Caio Koch-Weser, Staatssekretär im Finanzministerium, wollte sich über die Dauerlethargie der japanischen Wirtschaft und die Krise des Kapitalismus in den USA (Enron) informieren. Doch die Politikberatung erwies sich als träges Frage- und Antwortspiel. Koch-Weser zeigte sich wenig wissbegierig, und die Berater bemühten sich, das Schweigen mit ein paar Fragen an den Politiker nicht allzu laut werden zu lassen. Ein Termin, der der Politikberatungsszene in Deutschland den Spiegel vorhält: Wenn Wissenschaft und Politik aufeinander treffen, ist das Ergebnis oft kaum kaschierte Sprachlosigkeit.

"Was ist Einfluss?" Christoph Bertram, der Chef der SWP, kommt mit seinen ersten Worten auf die Kernfrage dieses Geschäfts zu sprechen, in dem der Zugang zu den Mächtigen im Mittelpunkt steht. Er könnte es sich jetzt einfach machen und darauf verweisen, dass die Stiftung die größte unter den außenpolitischen Denkfabriken Deutschlands ist

dass sie als Einzige das verbriefte Mandat erfüllt, Regierung und Parlament in internationalen Fragen zu beraten

dass sich der Bund das kaum zehn Millionen Euro jährlich kosten lassen würde, wenn er sie nicht zu nutzen wüsste. Der Mercedes-Benz unter den deutschen Think Tanks, das sei die SWP: etabliert, seriös und kaum wegzudenken. Doch weil Episoden wie die mit Koch-Weser durch die Hauptstadt kreisen und weil sein Institut vielen eher als blasse Verwaltungsbehörde denn als einflussreiche Denkfabrik gilt, kann Bertram es bei der Frage nach Einfluss nicht mit Verweis auf Statuten, Budget und Mitarbeiterzahlen bewenden lassen. Daher beschreibt er, was sein Institut auszeichnet: "In einer Stadt, wo jeder mit aufregenden Rednern auftritt, verzichten wir bewusst auf Wettbewerb", sagt er. "Wer unbegrenzt und pausenlos wirbelt, kann bald keine Substanz mehr bieten." Das Selbstbewusstsein, mit der SWP dagegenhalten zu können, ist herauszuhören und die Gewissheit, dass diese deutsche Variante eines Think Tanks mit Bertram nach dem Umzug nach Berlin den ihr in der Hauptstadt zustehenden Platz schon finden wird.

"Mein aufregendster Job"

Unprätentiös und weltoffen - so haben Kollegen den 65-jährigen Journalisten an vielen Stationen seiner Karriere kennen gelernt, aber auch als einen, der Kanten zeigen kann, wenn er seine Sache durchsetzen will: bei der Kommission in Brüssel und im Planungsstab des Verteidigungsministerums etwa, wo der promovierte Jurist kurz gearbeitet hat, bevor er in London mit gerade mal 35 Jahren die Leitung des International Institute for Strategic Studies (IISS) übernahm. Mit Rüstungsfragen hat er sich dort beschäftigt, wechselte 1982 zur ZEIT, wo er über ein Jahrzehnt Ressortleiter Politik und diplomatischer Korrespondent war. Bald galt er als einer der profiliertesten außenpolitischen Kommentatoren Deutschlands, für den Sicherheitspolitik mehr war als reine Raketenzählerei. Als einer, der viel zu neugierig war, um den Nord-Süd-Konflikt oder die Probleme Afrikas außen vor zu lassen. Themen aus dem Nahen Osten lagen ihm besonders am Herzen, ebenso Frankreich und das Verhältnis zu Europa. Die Leitung der SWP sieht Bertram als Krönung seiner Karriere: "So ein Institut in dieser Zeit zu leiten ist das Aufregendste, was man machen kann."

Da war zunächst die Aufregung um den Umzug der SWP nach Berlin. Viele Jahre saßen die Wissenschaftler in Ebenhausen. Der Starnberger See war nahe, die politische Bühne fern. Der Umzug , der um ein Haar dem Rotstift von Finanzminister Eichel zum Opfer gefallen wäre, war "eine Kulturrevolution" für die seit 1962 bestehende Institution, sagt Bertram. Diesen Luftwechsel zur zaghaften Erneuerung zu nutzen, den schwerfälligen Tanker, an dessen Steuer er, der Hobbysegler, da plötzlich stand, wenigstens halbwegs auf neuen Kurs zu bringen - vielleicht beschreibt diese oft bemühte Methapher am besten, was ihn an dem Job reizt.