Der Pop ist heute ein toter Fisch, den niemand mehr essen will, weil er neben das Fass gefallen ist. Literatur und Journalismus in seinem Namen sind irgendwie kontaminiert, und Agenten oder Verleger, die vor Jahren den großen Hype für ganz junge deutsche Literatur entfesselt hatten, kennen ihre Autoren nicht länger. Chefredakteure, die mit Pop die Jugend an ihre Blätter zu binden hofften, sprechen das Wort nicht mehr aus. Pop in der Kultur ist das, was heute keiner gewesen sein will. Nur Guido Westerwelle, der stolze Arrièregardist, will auch noch die Politik poppig machen. Alles das ist ziemlich schäbig, denn manches von Benjamin von Stuckrad-Barre oder von Christian Kracht ist ja wirklich lesenswert. Wer talentiert ist, hat es jetzt im Kulturbetrieb schwerer. Er muss nicht nur gut schreiben, sondern sich auch noch von einem ziemlich verrotteten Markennamen absetzen.

Der Kapitalismus ist mein Freund

Der schlechteste Gefallen, den man Autoren zwischen 25 und 35 tun konnte, bestand darin, sie mit dem Generationenbegriff aufzurüsten. Eine Alterskohorte ist für sich noch nicht mit Bedeutung gesegnet

alles Weitere sind Zuschreibungen, und die können geglaubt werden oder nicht. Was der Begriff Generation außerdem suggeriert, dass nämlich die Jungen mit naturgesetzlicher Gewalt auf den Plan treten, während sich die Älteren in die Aussiedlerhöfe der öffentlichen Rede verziehen, trat nicht ein, ist auch noch nie eingetreten. Wird auch dann nicht eintreten, wenn man den Wind der Marktwirtschaft in seinen Segeln fängt und auf den Rand der Gutenberg-Galaxis zuhält. Denn der Kapitalismus mag zwar Geschichte schreiben, aber ob er auch Kulturgeschichte schreibt, ist keineswegs sicher.

Was unters Etikett Popliteratur und Popjournalismus gefasst wurde, hatte mit kulturellen Erprobungen zu tun, mit Populärkultur gewiss nichts. Der Populärkultur (TV, Musik, Video et cetera) geht es in Deutschland prächtig, sie bedarf gar keiner gesonderten Sinngebung. Sie spielt sich im Wesentlichen in festen Genres ab, schon gar in der Literatur. Thriller und Krimi, Liebes-, Kriegs- und Frauenroman waren aber nie die Felder der Popliteraten, sondern sie hatten sich von Anfang an als Partisanen im Karst der Rezensionsseiten verstanden. Dort suchten sie die Konfrontation.

Ihr Pop war nichts anderes als eine hochkulturelle Simulation des Pop. Wenn man ihnen jetzt dafür Vorhaltungen machen möchte, dann zwei: In ihren Universitätsseminaren haben sie den Quatsch vom Tod des Autors wirklich geglaubt, vom Verschwinden des Subjekts und dessen Nichtigkeit gegenüber den Zeichenuniversen der Gegenwart, Sprachen und Klängen, Waren und Daten. Sie verwechselten Philosophie mit Wirklichkeitsbeschreibung. Zweitens: Als Kinder der New Economy hatten sie gehofft, der Kapitalismus wäre ihr Freund. Weil sie selbst jung waren, sahen sie sich in den Innovationszyklen der Markenwelten ganz vorn. Denn wenn die Marktwirtschaft tatsächlich nur noch Win-win-Situationen hervorbringt, sind die Differenzen, die die Kultur erzeugt, angestrengt und schwerfällig, wie es ihre Art ist, am Ende sinnlos geworden, sowohl politisch als auch ökonomisch.

Man hat die Vorgehensweisen der Popliteratur mit Begriffen wie Inszenierung oder Archivierung zu charakterisieren versucht. Das Sinn stiftende, eine Geschichte präsentierende Erzählsubjekt versteckte sich augenzwinkernd hinterm Überfluss käuflicher Dinge oder geläufiger Reden. Es lugte verschämt aus der grauen Prada-Tasche hervor, bis Prada wieder abgesagt war. Nicht das Erzählte war bedeutungsvoll, sondern das Ereignis, die agile, flache Welt nachgeahmt zu haben. Sinn durfte nicht vonseiten des Kultursystems auf diese Literatur fallen, sondern vom Universum der Marken her. Die Poetik der Popliteratur war das Branding.