Bevor der Euro kam, legte Michael Häberle sich noch schnell ein paar Markstücke und Pfennigmünzen in die Schublade. Nicht für seine Enkel, sondern für die Patienten. Der Allergologe aus dem schwäbischen Künzelsau testet seine Patienten nämlich nicht nur auf Hausstaub- und Pollenallergie, sondern auch auf Euro- und D-Mark-Ekzeme. Einer Kassiererin, die über juckende Fingerkuppen klagte, klebte er ein langes Pflaster mit Münzen auf den Rücken.

Zwei Tage und Nächte trug die Frau das Geld Huckepack: Pfennige und D-Mark, Euro und Cent. Für die Dokumentation legte sich der Arzt eigens eine Digitalkamera zu. Pixel für Pixel offenbart sich nun das Leid auf dem Bildschirm. Die Haut ist gereizt, gerötet, mit Bläschen übersät. Unter dem Euro juckt es stärker als unter der Mark. Der Cent dagegen juckt gar nicht.

"Euro-Allergien kennt inzwischen jeder Hautarzt", behauptet Häberle, der gerade von einem Allergologenkongress in Davos zurückgekehrt ist. Denn die europäische Einheitswährung enthält Nickel, und darauf reagieren viele Menschen allergisch. Jede fünfte Frau unter 30 hat eine solche Allergie, ausgelöst vor allem durch Piercings und nickelhaltigen Schmuck. Bläschen, Neurodermitis und Ekzeme - für einige dieser Frauen wird der Euro zum "Neuro". In Davos präsentierte ein Arzt den Fall einer Kassiererin, deren Allergie nach der Euro-Umstellung so stark wurde, dass sie nicht mehr arbeiten konnte. Jetzt lässt sie sich umschulen.

In dieser Woche erhält die Kritik an den gesundheitsschädigenden Euro-Münzen neue Nahrung durch einen Artikel, der in der Fachzeitschrift Nature erscheint. Darin beschreiben ein Hautarzt von der Universitätsklinik Zürich und zwei Metallurgen von der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) in Zürich dramatisch klingende Befunde. Sie haben 1- und 2-Euro-Münzen eine Woche lang in künstlichem Schweiß gebadet, das ist der Standardtest für Schmuck und Münzen. Ergebnis: Die Euros geben viel mehr Nickel ab als etwa der Schweizer Franken. "Die sahen fast so aus, als hätten sie 200 Jahre auf dem Meeresgrund gelegen", sagt Frank Nestle, leitender Dermatologe an der Zürcher Universitätsklinik und Koautor der Studie. Der Franken dagegen blieb unversehrt.

Ist das nun die Rache der Schweizer dafür, dass sie seit Beginn des Jahres von Euro-Ländern umzingelt sind? Der Verdacht liegt nahe, ist aber unbegründet. Denn Frank Nestle forscht zwar in der Schweiz, stammt aber selbst aus Deutschland. Und seine Messdaten sind tatsächlich brisant: Die gelöste Menge Nickel übertrifft den erlaubten Grenzwert für nickelhaltigen Schmuck bis um das 300fache. "Das sind Spitzenwerte im Vergleich mit anderen nickelhaltigen Münzen", sagt der Hautarzt Nestle.

Doch wie kann das sein? Haben nicht die Deutsche Bundesbank und das Bundesfinanzministerium immer wieder betont, dass Euro-Münzen sogar weniger Nickel enthalten als Markstücke? Das stimmt. Doch schuld an den hohen Nickelwerten ist nicht der absolute Gehalt des Metalls, sondern die beiden unterschiedlichen Legierungen, die den äußeren Ring und die innere Scheibe des Euros bilden. Zwischen ihnen entsteht eine elektrische Spannung, wenn sie durch Schweißfinger verbunden werden. "Das ist vergleichbar mit einer kleinen Autobatterie", sagt Nestle. Nickelionen lösen sich aus der Legierung und dringen in die Haut ein, wo sie allergische Reaktionen hervorrufen können.

Der Effekt ist so stark, dass die Euro-Münzen in dem Test sogar mehr als fünfmal so viel Nickel abgaben wie Geldstücke, die aus reinem Nickel bestehen.