Anfang der neunziger Jahre hatte die Weltwirtschaft zwei Lokomotiven: Japan und Deutschland. Heute haben die zweit- und drittgrößte Volkswirtschaft der Welt ihre Vorbildfunktion eingebüßt. Doch selbst vor einer Bundestagswahl, die kaum echte Veränderungschancen zu bieten scheint, dürfen die Deutschen froh sein, dass bei ihnen keine japanischen Verhältnisse herrschen. Kein zweites Industrieland der Welt ist so sehr vom Weg abgekommen wie Japan.

Zum Monatsbeginn fiel der Aktienindex an der Tokyoter Börse auf den Stand von 1983. Daraufhin kündigte die Regierung wieder einmal Konjunkturspritzen an - diesmal in Form von Steuersenkungen und Direktinvestitionen am Kapitalmarkt.

Sie werden helfen, die kritische Klippe der Halbjahresbilanzen Ende September zu umschiffen. Doch tiefere Markteinbrüche sind programmiert. Denn die Vertrauenskrise im Land ist umfassender Natur.

Früher einmal war Japan stolz auf ein Bildungssystem, in dem über 90 Prozent eines Jahrgangs den Oberschulabschluss erreichen. Das ist immer noch so, und tatsächlich liegt das Land im Pisa-Schulvergleich weit vor Deutschland.

Dennoch wissen japanische Jugendliche offensichtlich oft nichts damit anzufangen: 50 Prozent von ihnen ergreifen nach der Schule weder Arbeit noch Studium. Ohne Berufsziel leben sie weiter auf Kosten der Eltern. Man nennt sie "Parasiten": Es ist die Generation, der eines Tages die Qualifikation fehlen wird, um in einem Land, dessen Bevölkerung dramatisch altert, die Pensionen zu sichern. Ihre sprichwörtliche Faulheit aber sagt alles über die Zustände im Land der Arbeitsbienen: So viel Zukunftslosigkeit war in Japan noch nie.

Dabei entspricht die Ziellosigkeit der Jugend nur der Verantwortungslosigkeit der Eliten. Ganz wenige Konzerne wie Toyota oder Sony haben sich als durchweg tüchtig und erneuerungsfähig erwiesen. Das Gros der Unternehmen aber traut sich nicht, seine selbst geknüpften Fesseln abzuwerfen. Dort regiert noch immer ein Senioritätsprinzip, nachdem diejenigen, denen die Firma die Golfclubkarte zahlt, auch die besten Managementideen haben. Entsprechend sehen die Strategien aus in den Großkonglomeraten, die alles und um jeden Preis produzieren. Mit der fortschreitenden Arbeitsteilung im Zuge der Globalisierung sind diese Unternehmensstrukturen nicht überlebensfähig.

Wahlgeschenke statt Wagniskapital