Erst das Wort, dann die Arznei, dann das Messer", forderte Hippokrates. Eine bestechend simple Behandlungsregel - und dennoch beherzigt sie in der deutschen Medizin niemand so recht.

Den Beweis tritt jetzt das British Medical Journal an. Das Fachblatt ging der Frage nach, wie in Europa die hippokratische Forderung nach dem Primat des Worts praktiziert wird. Das Ergebnis: Am längsten dauern die Arzt-Patienten-Gespräche in der Schweiz. 15,6 Minuten hocken die Patienten dort im Schnitt bei ihrem Doktor, in Belgien sind es 15,0, in den Niederlanden 10,2 und in Großbritannien 9,4 Minuten. Zum Ruheraum mutiert das Sprechzimmer dann in Spanien (7,8 Minuten), und richtig maulfaul sind mit 7,6 Minuten wir Deutschen.

Dabei macht es allerdings einen Unterschied, wer vor dem Arzt sitzt. Im Schnitt luchsen Frauen ihren Ärzten rund eine Minute mehr Sprechzeit ab als Männer. Auch die Landbevölkerung und ältere Menschen sprechen gern lange und frei von der Leber weg - jedes Lebensjahr streckt die Kontaktzeit um 1,2 Sekunden.

Irgendwann gab es den Versuch, in deutschen Praxen die Konversationskultur zu beleben. Man zahlte für die Erörterung einfach etwas mehr. Das wirkte.

Deutsche Ärzte haben vielleicht Hippokrates' Mahnung, nicht aber das Zitat des römischen Kaisers Titus Flavius Vespasian vergessen. "Pecunia non olet", sagt der, "Geld stinkt nicht!" Es wird gemunkelt, dass einige Doktoren pro Tag 24 Sprech-Stunden abrechneten.

Dass auch die anderen Europäer nicht nur aus psychologischem Feingefühl heraus "sprechende Medizin" betreiben, demonstrieren die belgischen und die Schweizer Ärzte. In Belgien gibt es einen scharfen Wettbewerb zwischen den Praxen, und in der Schweiz zahlen die Patienten am Ende der Konsultation häufig direkt. Was könnte unaufdringlicher das Portemonnaie der Patienten leeren als ein verlängerter Plausch?