Berlin/Leipzig/Goslar

Nichts ist vergessen, schon gar nicht der 25. September 1998. Noch zwei Tage bis zur Wahl. Neuntausend Kohl-Abwähler im Berliner Velodrom beim final countdown der SPD. Hoffnungsrot beglänzte die Bühne. Winkender Einzug des kommenden Kabinetts, Lafontaines ballernde Grabrede auf die Ära Oggersheim.

Und dann nahte der Künftige. Stand, lachte breit ins Volk, schüttelte sich selbst die Siegerpranken überm Haupt, und die Rockband City spielte Ostfünflands alten Sehnsuchtsheuler: Einmal wissen, dieses bleibt für immer ...

Nein, nichts ist vergessen, die Euphorie nicht noch Schröders Predigt.

Arbeit! donnerte der Kandidat und gelobte, sie zu schaffen. Daran möge man ihn messen, in vier Jahren. - Und nun kommt der Tag, da dem Mann geholfen werden kann.

So sieht sein Volk ihn wieder. Fünfzehntausend fluten den Berliner Gendarmenmarkt und lauschen einer SPD-Zustandsanalyse der Sülzpopband Pur: Manchmal bin ich traurig / wenn ich sehe, was wir tun / doch ich hoffe, gegen Hoffnung / ist kein Menschenherz immun. Papptafeln werden verteilt: DRANBLEIBEN GERD!, behufs überschäumender Begeisterung in die Kameras zu heben. Der Sportreporter Buschmann moderiert: Frau Familienministerin Bergmann, die neue Shell-Jugendstudie ist da. Wie sind denn die Jugendlichen in Berlin? - Frau Bergmann sagt: Mit einem Wort - dufte! Buschmann ruft Manfred Stolpe an die Rampe: Kommen Sie ruhig an meine linke Seite, ich schwitze zwar, aber noch riech ich nicht. Wie haben Sie denn das Hochwasser empfunden? Stolpe: Also, das Erste war ein furchtbarer Schrecken ...

Wirklich, dies ist das Niveau. Eine Frau schreit unablässig KINDERGARTEN! und fuchtelt mit dem Schild HARTZ WILL UNS TÖTEN! Klaus Wowereit mahnt, ein schwuler Bürgermeister mache die Gesellschaft noch nicht tolerant, dazu bedürfe es auch eines Schröder-Siegs. Endlich erscheint der Kanzler der Einheit und wirft seine Orgel an. Wer immer noch über die Mauer in den Köpfen geredet hat, dröhnt Schröder, der wird in diesen Tagen eines Besseren belehrt! Dieses Land zerfällt nicht in neoliberale Einzelinteressen, das ist eine beglückende Erfahrung. Dieses Land steht zusammen, wenn es nötig ist!