Schon vor ihrem Erscheinen ist Peter Michalziks Biografie des Suhrkamp-Verlegers Siegfried Unseld (sie erscheint bei Blessing) auf Kritik vor allem des Suhrkamp Verlages gestoßen, der angebliche oder wirkliche Fehler ellenlang auflistet. Dass die Biografie Fehler enthält, ist mehr als wahrscheinlich. Alles, was sich über Unseld sagen lässt, steht unter dem Vorbehalt des Vorläufigen und, angesichts unzugänglicher Quellen, des Mutmaßlichen.

Die herrschende Unsitte, über lebende Zeitgenossen Biografien zu schreiben, verstößt gegen das Prinzip, das die Gattung begründet: dass gelebtes Leben aus der Vergangenheit geholt und für die Gegenwart gedeutet werde. Michalzik ist ein Opfer dieses Dilemmas, weil er dort, wo man gern Genaueres wüsste, zum bereits Bekannten nur Vermutungen hinzufügt und dort genauer wird, wo man es so genau nicht wissen möchte.

Sein Versuch, dem Leben Unselds ein inneres Gesetz abzulauschen, kann insofern nicht gelingen, als niemand hätte voraussagen können, dass aus dem Ulmer Beamtensohn und Jungvolkführer Siegfried der größte deutsche Verleger würde. Bezeichnend an der Karriere bürgerlicher Emporkömmlinge ist, dass ihnen nichts in die Wiege gelegt wird - anders als gekrönten Häuptern, deren Fatum vorbestimmt scheint, wie die Geschichte des Königs Ödipus zeigt.

Auch bei Unseld entdeckt Michalzik ödipale Züge, eine starke Mutterbindung, eine prekäre Beziehung zum Vater, der ein opportunistischer Nazi gewesen zu sein scheint, und leitet daraus die These ab, Unseld sei immer nur der Sohn geblieben, auf der Suche nach einer unangreifbaren Vaterfigur, die er zuerst in Hermann Hesse gefunden habe. Daraus erkläre sich Unselds bedingungslose Hingabe an das Reich des Geistes und der Literatur, schließlich seine Unfähigkeit, selber ein wirklicher Vater zu sein, der imstande wäre, sein Erbe dem Sohn in die Hände zu geben. Daran stimmt wohl manches, und es stimmt sogar insofern, als der ewig juvenile Unseld nie ein Patriarch geworden ist, den Jüngere hätten ermorden müssen. Stark ist er als Verleger, aber nicht als intellektuelle Leitfigur. Die wollte er nie sein, jener durchaus.

Michalzik ist diesem ebenso leicht durchschaubaren wie rätselhaften Mann nicht nahe gekommen. Stattdessen erfahren wir noch einmal, was wir erlebt oder gelesen und zumeist wieder vergessen haben: die von Hesse initiierte Abspaltung vom Fischer Verlag, die seltsame Vater-Sohn-Beziehung zwischen Unseld und Peter Suhrkamp, den raschen Aufstieg zum alleinigen Chef, die Entwicklung zur Geisteswerkstatt der alten BRD, dann zur international wirksamen literarischen und wissenschaftlichen Institution samt den Krisen und Intrigen und dem drohenden Bedeutungsverlust in veränderter Zeit.

Michalzik erzählt das kenntnisreich, aber buchhalterisch. Weil es ihm an Zorn und an Liebe mangelt, hat sein Buch keine Sprache, vor allem keine Mitte. Die kann es auch nicht haben. Biografien Lebender sind ein Widerspruch in sich, und nicht selten gräbt der Biograf ein Biograb. Irgendwann wird die wirkliche Unseld-Biografie erscheinen - früher, als uns lieb sein kann.